Archiv für Juli 2009

Kurze Anmerkung aus dem Vorbereitungskreis

Am 18.7.09 wurde auf Indymedia ein Beitrag veröffentlicht in dem das Einladungspapier zum überregionalen Treffen am 1. August vorgestellt wurde. Dieses Papier wurde über verschiedene Email-Listen verbreitet und öffentlich verteilt. In dem Posting auf Indymedia wurde in diesem Rahmen u.a. auf eine Konzertveranstaltung im Onkel Otto hingewiesen. Der Vorbereitungskreis legt Wert auf die Feststellung, dass es keine Zusammenarbeit mit diesem Projekt gab und die Veranstaltung nicht beworben wurde. Wir freuen uns natürlich wenn Leute die Idee eines Kongresses gut finden und dies weiterverbreiten. Wir legen aber auch Wert darauf nicht als Werbeträgerformat für umstrittene Veranstaltungen mißbraucht zu werden, die zudem an Orten stattfinden die einen antisexistischen Konsens verlassen.

wech war die mail

neulich passierte folgendes: wir erhielten eine anmeldungsbestätigung auf unseren account, die nach dem anklicken nach wenigen sekunden unwiderbringlich verschwand. das ist uns noch nie passiert. eine bitte um aufklärung an den kreis blieb unbeantwortet. daher stellen wir das hier noch mal rein. ist das anderen auch so passiert? nicht alles ist sabotage, aber ganz unmöglich ist es auch nicht.

Überlegungen zur Struktur

Am 1. August um 14 Uhr findet in der Roten Flora in Hamburg die bundesweite VV im Rahmen der Vorbereitung des „autonom-kongresses“ statt. (Dauer: ca. 3 Stunden)
Wir aus der bisherigen Vorbereitungsgruppe erhoffen uns ein Feedback über euer Interesse am und eure Ideen für den Kongress im Oktober. In unseren bisherigen Diskussionen haben wir einen groben Vorschlag zur Kongressstruktur und zu möglichen Inhalten erarbeitet. Diesen Vorschlag wollen wir mit euch diskutieren; und die entsprechend die angerissenen Themenkomplexe mit Inhalten füllen.

Gaanz grober Vorschlag zum Zeitplan:

# Freitags: Ankommen, Einstiegsplenum mit Impulsreferaten zu den einzelnen Themensträngen

# Samstag: Diskutieren, Arbeiten, Streiten in kleinen Plenas oder Workshops zu dem Themenstrang, den ihr euch aussucht

# Sonntag: Zusammentragen von Erkenntnissen, Ergebnissen, Frust und Perspektiven

(Natürlich gibt es Pausen und Essen usw)

Vorschlag zum Inhalt:

Die einzelnen Themenstränge sollen alle unter einem grundsätzlichen Aspekt betrachtet werden, der da lautet: Perspektiven und zukünftige Praxis der Autonomie (Untertitel: Welche Handlungsperspektiven sehen wir und was für eine autonome Praxis leiten wir daraus ab, um unser politisches Gewicht zu verstärken?)

Die folgenden Themenstränge sind vorerst nur mit Stichworten charakterisiert, zum Teil hakt es hier und da noch, z.B. wenn wir Antisexismus als alleinstehenden Workshop führen wollen, weil mensch daran recht gut über interne Strukturen sprechen kann, oder weil der ein oder andere Themenstrang zu komplex ist.

# Themenstrang I: Der Begriff Autonomie, Autonom als Label

# Themenstrang II: Struktur, Bündnisse, Kampagnen, Organisierung

# Themenstrang III: „externe Praxis“, Aktionsformen, Widerstand, Medien

# Themenstrang IV: „interne Praxis“, Alltagspraxis, Antisexismus, Kommunikation,

Es soll bewusst keine Arbeitsgruppen geben, in denen zu speziellen Schwerpunktthemen referiert wird und in denen sich diejenigen einfinden, die sich dort immer treffen. Wir möchten übergreifend zum Stand der Autonomen Bewegung diskutieren.

Wir freuen uns, wenn die ein oder andere Gruppe die inhaltliche Ausarbeitung eines Schwerpunktes oder eines Aspektes übernehmen kann, bzw sich ein anderes passendes Angebot ausgedacht hat.

Kontaktmöglichkeiten:

# Kommt zur VV am 1. August um 14 h in der Flora
# Tragt euch in die Mailingliste zum Kongress ein und diskutiert darüber untereinander und mit uns: https://lists.nadir.org/mailman/listinfo.cgi/autonom-kongress
# Direkten Kontakt zum Vorbereitungskreis erhaltet ihr über: aufstand-ist-ein-argument@nadir.org
# Postfach für den Vorbereitungskreis: Autonom-Kongress-Vorbereitung, Schwarzmarkt, Kleiner Schäferkamp 46, 20357 Hamburg

Das Diskussionspapier zum Autonom-Kongress vom 9. – 11.10.09 in Hamburg der Vorbereitungsgruppe

In den letzten Monaten gab es einige Vorbereitungstreffen für einen Autonom-Kongress in Hamburg. Stattfinden soll dieser im Rahmen der Feierlichkeiten zur 20jährigen Besetzung der Roten Flora vom 9. bis 11. Oktober 2009. Wir wollen mit diesem Text den aktuellen Diskussionsstand darstellen und weitere Interessierte gewinnen, die sich organisatorisch oder inhaltlich an der Vorbereitung beteiligen.

# Wir wollen was!
Anfang des Jahres wurde von einigen Leuten aus dem Umfeld der Roten Flora für einen autonomen Kongress geworben. Hintergrund war das Gefühl, dass zunehmend unbestimmter ist, auf welcher gemeinsamen Basis wir in Kampagnen zusammenarbeiten und welche Relevanz dies in unserer Alltagspraxis hat. Zwar beziehen sich viele auf ein autonomes Label, doch für was dieses steht bleibt zunehmend offener. Mittlerweile besteht die Vorbereitungsgruppe aus mehreren Gruppenvertreter_innen und Einzelpersonen aus Hamburg und Schleswig-Holstein.

# Davor und nun:
Den Ausgangspunkt der Autonomen in der BRD bildete Anfang der 70er die Abgrenzung zu den Strukturen der K-Gruppen. Eine Grundidee war, die unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen nicht der eigenen Politik oder den Mehrheitsbeschlüssen unterzuordnen, sondern sie aufzufordern, eigene Positionen zu entwickeln, artikulieren und auch zu vertreten, um daraus eine Zusammenarbeit entwickeln zu können.

In den 80er Jahren hatte sich dann eine breite autonome Bewegung in den Häuserkämpfen, der Antimilitarismusbewegung, den Antiatom-Protesten u.v.m. herausgebildet. Spätestens Anfang der 90er Jahre, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der DDR, hatte sich diese Bewegung jedoch völlig zerfasert.

Heute sind wir von dem historischen Bezug des Begriffs „autonom“ und der damaligen Bedeutung für die politische Auseinandersetzung weit entfernt. Eine übergreifende Perspektive scheint abhanden gekommen. Allein der G8-Gipfel in Heiligendamm hat deutlich gezeigt, dass die radikale Linke in der strategischen Defensive ist. Sie war zwar vor Ort, schaffte es aber weder mit Inhalten noch Aktionen, ihre Akzente zu setzen.
Demgegenüber gelang es dem Bündnis „Block G8″, sich als eine neue Strömung medienwirksam in Szene zu setzen, allerdings auch jegliche radikalen Forderungen für eine Pluralität aufzugeben.

Weil heute eine inhaltliche Auseinandersetzung und Positionierung unter uns und nach außen kaum noch stattfindet, ist der Begriff Autonomie oft nur noch ein Label.

# Was wollen wir?
Uns aus dem Vorbereitungskreis bewegt vor allem die Frage, wie wir als radikale Linke wieder mehr politisches Gewicht erlangen können und was ein solches überhaupt ist. Es gibt unter uns unterschiedliche Vorstellungen darüber, was als politische Zielsetzung in Kampagnen und einer Alltagspolitik sinnvoll ist und wie unsere politische Rolle aussehen kann.

Unserem Eindruck nach scheint so manchen in der autonomen Linken (uns inbegriffen) der Blick auf die politischen Realitäten abhanden gekommen zu sein. Wir engagieren uns, wenn etwas uns betrifft, uns zufällig interessiert oder gerade angesagt ist. Erscheinungsbilder treten in den Vordergrund (Beispiel Pop-Antifa), wiederkehrende Politrituale als feststehender Ausdruck linksradikaler Politik lassen uns auf der Stelle treten (1. Mai in Berlin, „Krawalle“ mit Lagerfeuer vor der Flora).

Wenn in der Gesellschaft unsere Motivationen und Inhalte aber nicht wahrgenommen werden und wir uns selbstgefällig in der Darstellung als „BlackBlock“, „gewaltbereite Linke“ und „steineschmeißende Randalierer“ genügen, dann verkommt unsere politische Aktion zu einer Inszenierung von Widerstandsperformance.

Wir wollen jedoch mehr sein als eine Funktion, die Protest und Widerstand lediglich als Gestus oder im Rahmen der in der Demokratie formulierten Schranken simuliert. Radikalität und unberechenbare Praxis müssen wir uns immer wieder neu erarbeiten – subjektiv und kollektiv.

Dabei lässt sich die Bedeutung der politischen Praxis nicht allein an der Anzahl von Teilnehmer_innen, Höhe des Sachschadens oder Breite des Medienechos messen. Entscheidend ist, ob wir in der Lage sind, unsere Inhalte mitzuteilen und unsere gesellschaftliche Relevanz kritisch zu betrachten und entsprechednd auszubauen. Wir können uns technisch noch so anstrengen, wir werden aber nur dann daran beteiligt sein, den „Lauf der Dinge“ im Sinne von Herrschaftsfreiheit und Solidarität zu beeinflussen, wenn wir mit unseren Inhalten und Interventionen auch die Herzen und Köpfe vieler Menschen erreichen.

Unsere Absicht ist es, gesamtgesellschaftliche Diskurse mit den Mitteln unserer Wahl zu verschieben, mit dem Ziel, die herrschende Ordnung zu kippen.

Dabei ist uns klar, dass wir alle auch Teil des herrschenden Systems, wie der Geschichte, Kultur, Denkstrukturen, Begriffe und Ideologien, sind. Noch in der Auflehnung gegen die Verhältnisse wird unsere Vorstellung durch sie geprägt. Identität und Bewusstsein definieren sich stets auch über die gängigen Gesellschaftsbilder. Aber wir können diese Strukturen immer wieder kritisch hinterfragen und dieses Hinterfragen zum Bestandteil unserer Vorstellung von Emanzipation machen.

# Utopie und Schwerkraft!
Utopie ist für uns die Befreiung von Zwängen. Es geht uns um ein anderes Gesellschafts- und Menschenbild als das bestehende. Es geht immer wieder neu um die Aneignung der Begriffe wie „Herrschaftsfreiheit“, „Solidarität“, „Eigenverantwortung“, „Kollektivität“. Der Weg entsteht im Gehen; dabei werden wir auch immer wieder ins Stolpern kommen. Wichtig ist, dass wir überhaupt wagen, Fehler zu machen und die Selbstkritik besitzen den Mangel zu erkennen. Es gibt keine einfachen Antworten auf dem Weg der Revolte. Unsere Theorie, unsere Kritik und unsere Praxis („private“ sowie politische) muss sich an gesellschaftlichen Verhältnissen messen und fortwährend weiterentwickeln. Auch unsere Utopien werden wir ständig ergänzen und überarbeiten müssen.

Es liegt an uns, uns Orte anzueignen, in denen wir subversive Leben als Sabotage an den herrschenden Verhältnisse ausprobieren und lernen. Nicht als fertige Modelle, sondern als Ergebnis von kontinuierlichen Auseinandersetzungen im Rahmen der erfahrenen gesellschaftlichen Widersprüche.

All das wird uns nicht individuell gelingen, sondern nur kollektiv, indem wir unsere Handlungsspielräume erkennen und in die gesellschaftlichen Prozesse eingreifen, um sie bewusst und kritisch neu zu gestalten.

„Autonomie ist die Bezeichnung für die Entscheidung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen, ihre Geschicke aus einer Verantwortung für das Ganze heraus selbst in die Hand zunehmen.“
(autonomie-kongress 1995, Nachbereitungsreader S.19.)

In diesem Sinne laden wir alle ein, die ein Interesse daran haben, sich mit dem Begriff Autonomie und dessen praktische Umsetzung wieder neu auseinander zu setzen:
Kommt zum Autonom-Kongress im Oktober nach Hamburg, bringt euch in die Vorbereitung ein, gestaltet die Diskussionen mit! Wir wünschen uns mit euch eine kollektive Auseinandersetzung bezüglich der Frage nach dem Weg sowie der Entwicklung von Perspektiven und Kommunikationsstrukturen.

# Die Struktur des Kongresses
Der Kongress kann in Form von Arbeitsgruppen oder Plenas stattfinden. Darauf müssen wir uns noch gemeinsam verständigen.

VGH – Vorbereitungsgruppe Hamburg


Es wird eine bundesweite VV zur Kongressvorbereitung geben:
am 1. August um 14 h in der Roten Flora in Hamburg.
Gebt uns ein Feedback, über euer Interesse oder ob ihr kommen wollt, damit wir besser planen können.

Diskussionspapier einer Gruppe aus Hamburg für ein erstes Vorbereitungstreffen

Wir sind ein Zusammenhang aus dem Umfeld der Roten Flora und schlagen vor, vom 9.-11. Oktober diesen Jahres einen autonomen Kongress in Hamburg zu organisieren. Im Folgenden wollen wir ein Bild davon zeichnen, worum es uns geht, und unseren Aufruf für ein erstes Vorbereitungstreffen vorstellen. Auf dem Treffen wollen wir mit anderen Gruppen diskutieren, ob es ein gemeinsames Interesse an einem solchen Kongress gibt und ob wir einen solche Veranstaltung als lokale Struktur organisatorisch tragen können. Außerdem wollen wir über den Rahmen, einen möglichen Ablauf und inhaltliche Schwerpunkte eines solchen Kongresses sprechen, welchen wir uns als ein offenes, überregionales Treffen von und für Gruppen und Einzelpersonen, die sich auf ein autonomes Selbstverständnis beziehen oder unter einem solchen Label Politik machen.

Mehr Fragen als Antworten

Wie aktuell ist eine politische Selbstdefinition als autonom? Taugt dieser Begriff noch für die diffuse Beschreibung eines undogmatischen linksradikalen Standortes und welche unterschiedlichen Eckpunkte sehen wir darin? Wie erreichen wir bessere Formen von Vernetzung und wie können wir uns inhaltlich stärker in Kampagnen positionieren?

Die Unterschiede in dem, was sich heute als autonom bezeichnet, sind vermutlich meist größer als die Gemeinsamkeiten. Die offensichtlichsten Elemente sind sicher erstmal schwarze Klamotten und ein positives Verständnis von Militanz. Doch es ist klar, dass dies als Klammer keinesfalls ausreicht. Eine Selbstdefinition über ein austauchbares Outfit als Ausdruck eines linken Jugendstils kann durchaus auch als rechter oder unpolitischer Style umcodiert werden, wenn eine weitergehende inhaltliche Bestimmung fehlt.
Irgendwie linksradikal und undogmatisch, gegen hierarchische Organisierungsansätze. Politik aus der eigenen Subjektivität heraus, aber über den eigenen Tellerrand hinaus. Irgendwie unzufrieden mit allem und manchmal hoffnungslos verloren, da eine Revolution die einem die Sterne vom Himmel holt, nicht in Sicht ist. Immer stärker eingebunden in Verbindlichkeiten und Mitwirkungspflichten des globalisierten Alltags und trotzdem redlich bemüht um den Gestus, „unversöhnlich“ mit dem System zu erscheinen. Aber wo liegen sie nun, die inhaltlichen Eckpunkte, wenn wir uns als einen Teil autonomer Bewegungen begreifen?

20 Jahre Rote Flora – 20 Jahre autonome Politik

Diese und andere Fragen wollen wir uns im September zur zwanzigjährigen Besetzung der Roten Flora stellen. Der Umstand, als „rechtsfreier Raum“ einen Großbrand, Vertragsverhandlungen und Ronald Schill überlebt zu haben, ist natürlich ein Grund zum feiern. Aber neben der Feierstimmung macht sich auch leise Melancholie breit. Denn zwanzig Jahre sind neben der Erfolgsgeschichte auch zwanzig Jahre des Scheiterns: Krisenplena, misslungene Sexismusdiskussionen, aufzehrende Hausmeistertätigkeiten, eine zunehmende inhaltlichen Defensive, immer wiederkehrende Fluktuation , das verschwinden von Aktivist_innen und ein heute eher desolater Zustand des linksradikalen Umfeldes.

Entstanden sind Autonome in Abgrenzung zu K-Gruppen und Spontis aus der Anti-Atom-Bewegung Ende der 70er und Häuserkämpfen Anfang der 80er Jahre. Die Besetzung der Roten Flora im Herbst 1989 markiert zeitlich einerseits einen späten Höhepunkt, gleichzeitig aber in Form des Mauerfalls auch einen tiefgreifenden Bruch. Den autonomen Bewegungen gelang es in ihrer Geschichte immer wieder veränderte Bedingungen aufzugreifen und linksradikale Krisen durch Praxis und Kampagnenerfahrung abzufedern. Dennoch: Viele Zusammenhänge, einst die Basis der autonomen Bewegungen, haben sich im Lauf der neunziger Jahre aufgelöst, die weniger gewordenen Gruppen schieben Prozesse auf zunehmend wackeliger Basis an und bedienen dabei teilweise auch eine um sich greifende Konsumhaltung. Andere erklären diese zum Prinzip und verlassen autonome Selbstorganisierungsmodelle zu Gunsten von Labelpolitik und politischer Eventproduktion.

Ausgangspunkt unseres Wunsches nach einem Kongress sind Fragen und Widersprüche, die sich aus der Praxis eines besetzten Zentrums wie der Roten Flora und autonomer Politik ergeben haben. Wir wollen diese aber losgelöst von diesem Projekt thematisieren. Als Widersprüche und Theorieansätze, die sich aus der Bewegungspraxis und den Alltagserfahrungen von undogmatischen autonomen Gruppen ergeben. Die Fragen, über die wir stolpern, teilen wir mit allen, die sich in politischen Kampagnen bewegen, die Besetzungen und Projekte in anderen Städten realisieren, die versuchen der allgegenwärtigen Kultur der Entpolitisierung eine widerständische Haltung entgegenzusetzen.

Was uns interessiert ist die Frage, welche Möglichkeiten der Positionierung uns der Begriff der Autonomie in aktuellen Mobilisierungen bietet. Wie steht es um einen subjektiven Politikansatz vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen Bedingungen, in denen (Selbst)Kontrolle allgegenwärtig erscheint.

No more Heros

Wir wollen den Kongress auf drei Stränge eingrenzen, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Grob lassen sich diese unterscheiden in theoretische Grundlagen, Konflikte/Widersprüche/Streit und praktische Organisierung. Wir finden die Mischung dieser Dinge wichtig. Um eine Spezialisierung der Teilnehmer_innen auf Theorie oder Praxis zu verhindern, würden wir vorschlagen, diese zeitlich zu trennen. Auch dem anstrengenden, aber nichtsdestotrotz notwendigen Thema von Konflikten wollen wir einen eigenen Raum bieten.

Wir fänden es schön wenn sich die Teilnehmer_innen weniger mit eingegrabenen Meinungen, als vielmehr mit Interesse an Auseinandersetzung beteiligen. Wir wollen keine Beliebigkeit und es soll sich gerne auch gestritten werden. Aber immer mit Respekt für die Beteiligten, einem Redeverhalten, das auch andere zu Wort kommen lässt.

Sicher ist Kapitalismuskritik ein abstrakteres Thema als autonome Vernetzung, aber auch ein solches Thema kann auf eine Weise thematisiert werden, die nicht ausschließend sein muss. Uns liegt daran, eine Theorie der Praxis zu entwickeln, die sich zwar aktueller theoretischer Versatzstücke und Theorien bedient, aber nicht eins-zu-eins ein akademisches Herrschaftswissen wiederkäut, das in seiner teilweise konstruierten Komplexität eher einer Ruhigstellung von Bewegung dient, statt deren intellektuellen Bereicherung.
Die linke Diskussionskultur hat in den letzten Jahren zunehmend zu einer Trennung von Form und Inhalt geführt. Während theoretische Diskussionen einem Fetisch der Abstraktion folgen, wird die politische Bestimmung von Kampagnen gleichzeitig oft schlichter und verbleibt in einem sich inhaltlich selbst entwaffnenden Bündnis- und Massenansatz. Im Rahmen einer oft verwirrenden Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse gewinnen dogmatische Denkmuster scheinbar wieder an Attraktivität. Sei es im formelhaften Bezug auf abstrakt vertretene Gesellschaftsmodelle, der Organisierung in Bündnissen, die auf bürgerliche Politikfähigkeit setzen, oder in einer Solidarität mit Chiapas, Tibet, Israel oder Palästina als idealisierende Konstruktionen einer Stellvertreter_innenpolitik. Widersprüche werden in allen Fällen häufig ausgeblendet zugunsten einer gefährlichen Romantik, die abweichende Identitäten und differente Blickwinkel nicht zulässt.

Ambivalente Praxis und schwankende Theorien

Bedeutet der Umstand, dass die Verhältnisse in unserem Bewusstsein vielschichtiger und mehrdeutiger geworden sind, wirklich, dass eine Praxis schwieriger geworden ist? Wir denken, solche Ambivalenz wirkt lediglich dann negativ, wenn wir uns in der weltfremden Sicherheit abgehobener Abstraktion einrichten oder den verlockenden Schlichtheiten ebenso einfacher wie falscher Antworten folgen. Positiv betrachtet stellen Uneindeutigkeiten eine Chance für die radikale Linke dar, denn sie zwingen uns, eine politische Solidarität außerhalb von konstruierten Kollektiven zu entwickeln.
Eine idealisierte Bezugnahme auf Kollektive als Summe vereinnahmbarer Interessen bietet keine Perspektiven für politische Selbstbestimmung, Autonomie oder eine emanzipatorische Entwicklung. Gerade queere Ansätze verdeutlichen die Aktualität und Notwendigkeit subjektiver Politikansätze. Konstruierte Identitäten und Personalisierungen lassen sich in unserem Alltag nicht auflösen, indem wir sie verbal für nichtig erklären, sondern indem wir sie als etwas wandelbares betrachten. Uneindeutig wie wir selbst in unserem widersprüchlichen (Auf)Begehren.

Wir alle sind in unterschiedlicher Weise durchdrungen von den bestehenden Verhältnissen, von Privilegien und Marginalisierung.
Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus sind ebenso mit uns verwoben wie die sozialen und ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus. Es ist nicht möglich, sich durch ein reines Lossagen davon zu befreien. Wir sind und bleiben ein Teil der Verhältnisse. Doch wir können sie genau von dieser Position aus auch angreifen, wenn wir uns darin nicht einrichten, sondern temporäre Formen von Kollektivität jenseits ausschließender Festschreibungen entwickeln und unblässig Blicke über den eigenen Tellerand wagen. Unseren wechselnden Standort zum Ausgangspunkt von Solidarität, Kritik und Aufruhr werden lassen.

Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Oft werden Versatzstücke linksradikaler Positionen lediglich abgerufen, statt im eigenen Leben kombiniert und rekombiniert. Daraus folgt dann, dass Schlagworte sich bisweilen zu eigenen Gesetzmäßigkeiten verallgemeinern und die Verhältnisse nicht mehr aufdecken, sondern zukleistern.

So kann aus der wichtigen Kritik einer verkürzten Kapitalismuskritik eine pauschale Verurteilung von Kritik an Banken und dem Finanzmarkt enstehen. Aber Banken sind, jenseits von falschen Personalisierungen oder antisemitisch aufgeladener Ressentiments auch ökonomische Machtzentren von realer Bedeutung, die als solche wiederum auf berechtigte Art und Weise angegriffen werden können.
So wird die Parole „Luxus für Alle“ – eigentlich entstanden gegen eine Haltung, dass mit Linksradikalität eine quasi protestantische Verzichtspflicht einhergehen müsse – zur privilegierten Weigerung, den eigenen Lebensstandard und die kapitalistische Produktion von Bedürfnissen in Frage zu stellen. Was den subversiven Prozess der Aneignung zu einem elitären Metropolenvergnügen verkehrt, statt ihn als Angriff auf herrschende Beschränkungen der gesellschaftlichen Teilhabe zu begreifen.

So wird die selbstkritische Betrachtung der Gentrification zu einer Argumentationsfigur, das politische Terrain des Stadtteils gleich ganz aufzugeben. Sie mündet in Gleichgültigkeit gegenüber sozialer Verdrängung und Umstrukturierung, statt eine Strategie und Waffe zu sein, die jenseits von Heimatglück gegen Standortpolitik und städtische Sicherheitsarchitektur gerichtet werden kann.

Die Neuerfindung der Revolte

Wir wollen nicht zurück zu den einfachen Antworten der Vergangenheit und auch keine neuen einfachen Antworten finden. Wir wollen aus den komplexen Widersprüchen, die uns umgeben, eine neue politische Praxis destillieren und uns Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen. Im besten Fall soll der Kongress konkrete Impulse für die weitere politische Praxis und Vernetzung von autonomen Gruppen liefern.

Wir wollen autonome Politik reflektieren, indem wir Theorien auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen und unsere Praxis gleichzeitig auf Inhalte hinterfragen. Dies kann nur gelingen, wenn sich viele auf eigenständige Art und Weise an diesem Kongress beteiligen. Wichtig ist uns, das Ganze nicht als Streben nach inhaltlicher Hegemonie oder als reines Forum zur Durchsetzung von Positionen zu betrachten, sondern vor allem als Chance eines heterogenen Blicks auf den Stand der Bewegung.

Wir sind für das Treffen in Hamburg an einem überregionalen Feedback interessiert. Sofern ihr Interesse an einer Beteiligung an einem solchen Kongress habt, sendet uns doch eine kurze Email, wie dieses gelagert ist bzw. wie ihr die Idee grundsätzlich findet.