Kein Forum für die Verharmlosung sexualisierter Gewalt

„Aber das vielfältige wispern, Gerede, klagen, hetzen, grummeln über „Sexismus“ verweist nicht nur auf die Attraktivität eines konservativen Anti-68er-Revolten-Diskurses, sondern auch auf Trostlosigkeit und Elend in den sexuell motivierten Beziehungen selbst. Kann gut sein, dass auch Autonome das aneinander misslungen vornehmen was Millionen anderer in dieser Gesellschaft auch so fuhrwerken: richtig schlechten Sex, und das alles in der deprimierendsten Weise. Ach wie leicht ist es doch, genau das in ungenauer Weise zu skandalisieren! Ja,sehr richtig: Gegenseitige Übergriffe, ohne die es keinen Ausdruck für sexuelles Begehren geben kann, misslingen, weil die Verständigung darüber nicht zustande kommt. Alle Klagen über die hier zugefügten tiefen Verletzungen und Schmerzen des Körpers und der Seele sind berechtigt. Fast alle Grundlagen des Vertrauens sind zunächst zerbrochen. Wer jedoch das auf den Begriff des Verbrechens bringt, weiß, dass dem logisch die Strafe zu folgen hat. Die Strafe macht aber auch den schuldig Erklärten immer Angst und so haben sie das natürliche Recht dazu, sich ihr zu entziehen. Wie auch immer der Konflikt auf dem Terrain des Sexismus ausgeht, es entfaltet sich darin zwischen einer Vielzahl von Beteiligten bestimmt so einiges an Sadismus, aber Befreiung und Glück weder für die einen noch die anderen. Tritt dann noch Politik an die Stelle, wo schlichte Rote Hilfe ihren Platz haben könnte, dann ist für die Sache der Befreiung fast alles verloren. So haben also Autonome die besten Gründe dafür – neben schlechten und trostlosen Sex – die gallige Sanktionsmacht des Anti-Sexismus zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser.“
Quelle: »Nicht blöd werden! Autonome auf dem Weg ins 22. Jahrhundert«

Der Text »Nicht blöd werden! Autonome auf dem Weg ins 22. Jahrhundert« wurde in den letzten Tagen auf dem Blog für den Kongress veröffentlicht und soll offensichtlich als Input dienen. Wir halten es für grundfalsch und Herrschaftsverhältnisse fortschreibend, wenn die patriarchalen Gewaltverhältnisse zu einem persönlichen Aushandlungsprozess erklärt werden. Wo als Grundvoraussetzung negiert wird das es sich bei sexualisierter Gewalt um ein politisches Verhältnis handelt kann man den Ursprüngen dieser auch nichts entgegensetzen. Sexualisierte Gewalt wird so in orthodoxer Manier zum Nebenwiderspruch erklärt.

Definitionsmacht wird gleichgesetzt mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen und die notwendige Solidarität mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zur „Strafe“ erklärt, der sich „natürlich“ zurecht entzogen werde. Der Beitrag ist gegen eine antisexistische Praxis gerichtet und verharmlost sexuelle Übergriffe zum Ausdruck der Sexualität. Sexualisierte Gewalt hat aber wenig mit Sex und dafür viel mit Macht zu tun. Im Text wird das alles ausgeblendet um die bestehende antisexistische Praxis anzuschießen und als unreflektierte Spaßbremse darzustellen. Auf dieser entpolitisierten Ebene wollen wir weder auf einem autonom kongress diskutieren noch halten wir es für angebracht, dass die Flora zur Bühne für anti-antisexistische Proklamationen wird.

Die Anerkennung von Definitionsmacht und ein solidarisches Verhältnis zu Betroffenen sexualisierter Gewalt ist für uns ein notwendiger Gerundkonsens der Diskussion. Wir sehen weder den Kongress noch die Flora als „freien“ Sprechort für rassistische, sexistische oder antisemitische Tabubrüche.

Eine sinnvolle Diskussion entsteht für uns aus einem sensiblen und bewußten Umgang miteinander, der auf inhaltlicher Ebene auch gerne kontrovers sein kann. Wir haben allerdings keine Lust zum demütigen Publikum für sexuelle Selbsthilfegesprächskreise von frustrierten Autonomen degradiert zu werden, die damit die subjektiv als Unterdrückung empfundene „Macht“ einer antisexistischen Praxis brechen wollen. Wir schlagen also vor das der Input in dieser Form nicht gehalten wird und der Text von der Internetseite genommen wird.

ein autonomer zusammenhang aus dem floraumfeld


3 Antworten auf „Kein Forum für die Verharmlosung sexualisierter Gewalt“


  1. 1 autonome Zelle aus einem HamburgerCortex 10. Oktober 2009 um 6:41 Uhr

    Much Ado About Nothing?
    Ich schließe mich der Kritik an dem Text »Nicht blöd werden! Autonome auf dem Weg ins 22. Jahrhundert« inhaltlich an. Allerdings halte ich es für falsch eine Disskusion darüber zu tabuisieren und den Text zu verbannen. Der Diskussionsbedarf ist und bleibt wohl gegeben selbst wenn Wiederholungen auch ermüdent sind. Deshalb halte ich die in der Kritik gemachten Ausführungen für wichtig, sinnvoller fände ich es, wenn zudem benannt würde was unabhängig von weiteren Interpretationen kritisiert wird. Beispielsweise könnte eine konkrete Aussage herausgestellt werden, etwa: Autonome machen es sich leicht, indem sie gegenseitige Übergriffe skandalisieren.
    Eine so herausgestellte Aussage könnte zwar von Vielen als „nicht so schlimm“ abgetan und mit dem Motto „worüber regen die sich eigentlich auf!“ quitiert werden. Dafür würde jedoch denjenigen die Chance eroffnet die Kritik zu verstehen die lediglich das „Totschlagargument“ Definitionsmacht warnehmen und dann denken und/oder sagen da hamm die ja recht.
    Selbstverständlich ist die Interpretation des Kritisierten Voraussetzung für die Kritik allerdings scheint die Kritik doch etwas krude sofern nicht geligngt die Interpretationswege nachzuvollziehen. So etwa ist der Kritikpunkt: „Definitionsmacht wird gleichgesetzt mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen…“ dieser Punkt hört sich gut an, ist aber nur mit sehr viel Mühe auf den Text beziehbar und könnte leichter als Behauptung abgetan werden zumal die Worte „Definitionsmacht“ und „Herrschaftsverhältnis“ weder in der zitierten Passage noch irgendwo auf den restlichen vier Seiten des Papiers zu finden sind. Jedenfalls mochte ich mich auch noch der Bemerkung aus der Kritik anscließen, daß eine sinnvolle Diskusion aus einem sensiblen und bewußten Umgang miteinander entsteht. Doch diese Bemerkung war dann wohl für den autonomen zusammenhang aus dem floraumfeld zu hippimäßig weshalb alsdann zurückgerudert wird: “Wir haben allerdings keine Lust zum demütigen Publikum für sexuelle Selbsthilfegesprächskreise von frustrierten Autonomen degradiert zu werden,…“
    autonome Zelle aus einem HamburgerCortex

  2. 2 Ostmänner 04. Dezember 2009 um 16:54 Uhr

    Wir sind ja ganz und gar gegen Mythen. Und deswegen fänden wir es gut, wenn der Text hier öffentlich zugänglich wäre. Auch andere Printmedien wie Interim haben ihn abgedruckt. Das Geheimnis um ihn macht ihn erst interessant. Deswegen: Veröffentlichen! Man kann ja auch ganz klar sagen, dass man ihn dokumentiert und sich nicht mit ihm identifiert. Letzteres sollte man nähmlich nicht.

  1. 1 Tomatisiert Sexisten, wo ihr sie trefft! « feminism. rocks. Pingback am 13. Oktober 2011 um 12:17 Uhr
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