Ein erster Schritt, der auf Vertiefung wartet autonom kongress – ein Rückblick

Eindrücke vom autonom kongress. 250 bis 300 Menschen kamen in Hamburg für zweieinhalb Tage zusammen um miteinander zu diskutieren, Positionen auszutauschen, sich zu informieren und einfach mal wieder bekannte Gesichter aus anderen Städten zu treffen. Lange überfällig schien dieses Treffen, wo sich mal Zeit genommen wird, um grundsätzliche Fragen autonomer Politik zu besprechen. Immer wieder wurde der Autonomie Kongress 1995 erwähnt, bei dem sich damals noch 2000 Autonome die Köpfe heiß geredet hatten. 14 Jahre mussten erst vergehen, damit mensch wieder einmal autonom zusammen kam. Kommt autonome Politik ohne eine grundsätzliche Debatte zur Politik aus. Es scheint fast so zu sein. Viele tummeln sich auf der Straße, in ihren Autonomen Zentren und bei großen Mobilisierungen. Die großen Mobilisierungen, wie z.B. 1988 zum IWF in Berlin, die zeitweise fast jährlichen Proteste gegen den Castor, von 1998 bis 2003 die antirassistischen Grenzcamps, 2002-2009 Mittenwald und 2005-2007 die dissent-Mobilisierung gegen den G8 in Heiligendamm, waren immer auch Orte wo überregional zusammen gekommen wurde und auch grundsätzliche Fragen autonomer Politik besprochen wurden. Dennoch, wie das bei der Vorbereitung von konkreten Aktionen so ist, gab es immer Zeitdruck und dieser lässt bekanntlich inhaltliche Debatten hinten runter fallen. So gab es viele Diskussionen, die hochspannend angeschnitten wurden und dann wegen des Organisierungsdrucks jäh abbrachen. Dazu kommt, dass viele Aktive einen Bereich haben, in dem sie verstärkt Politik machen, die sogenannte Teilbereichspolitik. In diesen Teilbereichen wie Antifa, Antira, Antirep., Antisexismus, Antimilitarismus, soziale Kämpfe, Gentrifizierung/Stadtteilarbeit und Anti-Atom/Klimapolitik führen sie dann tiefgehende Debatten und haben ne Menge Ahnung und Wissen. Doch hier läuft dann vieles auch nebeneinander her. Es fehlt also an einem Ort für Grundsatzfragen. Dies kann auch nicht von Publikationen und Debatten in den Medien von Interim bis Indymedia ersetzt werden. Es ist schon was anderes wirklich zusammen zu sitzen, sich face to face zu sehen und sich aufeinander beziehen zu können. Jetzt war er also da, dieser Ort der grundsätzlichen Verständigung. Viele waren erst gar nicht gekommen, da sie keinen Drang verspürten Grundsätzliches zu besprechen, es gab bei Vielen, die zu Hause blieben dieses Bedürfnis gar nicht. Viele die kamen sagten: Ich verspreche mir nicht so viel davon, hab kaum Erwartungen. Andere wiederum waren sehr gespannt oder begierig sich auszutauschen. In dem Zusammenhang wurde auch immer wieder der Großstadt-Stadt-Land Unterschied angemerkt. Viele in der Stadt haben es eben viel einfacher sich zu treffen, zu vernetzen und Orte der Diskussion zu organisieren. Hier wurde auch immer wieder auf die Autonome Vollversammlung in Berlin verwiesen, die sich monatlich seit der G8-Mobilisierung 2007 trifft. Nun gibt es auch seit dem Sommer 2009 eine Autonome FrauenLesbenTrans VV in Berlin. Um ein Ergebnis des autonom kongress vorweg zu nehmen, es gab immer wieder den Willen und die Bekundung Autonome Vollversammlungen in verschiedenen Städten und Regionen zu gründen. Ebenso die Absicht sich überregional in großer Runde in einem halben oder einem Jahr wieder zusammen zu finden. Mensch darf gespannt sein.

Doch nicht nur das Fehlen von Zusammenkünften, auch eine Lücke zwischen den Jungen und den Alten wurde immer wieder bemerkt und scheint mitverantwortlich für einen fehlenden Geschichtsbezug. Debatten, die vor Jahren schon einmal geführt worden, werden nicht weitervermittelt. Die Jungen fangen immer wieder von vorne an. Als ob sich Debatten deswegen kaum weiter entwickeln können, so schien auch das in Hamburg Besprochene in vielen Punkten ganz am Anfang zu stehen. Erschreckend deutlich wurde das in der Sexismus Debatte in dem Themenschwerpunkt ,,Alltagspraxis, interne Machtverhältnisse, Kommunikation“. Viele der Älteren standen verblüfft da, viele feministische Personen gingen raus und wollten sich das nicht antun oder verstanden sich als Beobachter_innen. (Es ist eine politische Praxis von einigen Feministinnen, sich in der gemischten Szene nicht in Sexismus Debatten einzumischen, da die ,,Gemischten“ diese Arbeit schon selbst machen sollen und sich (einige) Feministinnen nicht an der ,,Gemischten“ abarbeiten wollen. Stattdessen kommen sie als Beobachterinnen.) In Sachen Antisexismus scheinen wesentliche Grundlagen zu fehlen, als hätten sich viele noch nie mit der Thematik beschäftigt. Dies gipfelte in einer Debatte, ob Männer auch Sexismus erfahren, mit Beispielen wo Männer schon mal von Frauen (und Feministinnen) ausgelacht oder angemotzt worden sind, bis hin zu Beschreibungen, wo weiße Männer schon mal Rassismus erfahren haben, z.B. in der Bronz in einem schwarzen Club von Schwarzen angemotzt worden. Diese Debatte ist ein seit Jahren bekannter Klassiker, wenn Menschen über Sexismus diskutieren, dann kommen Männer gerne schnell zu der Umkehr, aber ich erfahre auch Sexismus, Frauen sind auch sexistisch. Dieser Umkehr-Effekt kriegt dann ganz viel Raum, das lenkt auch schön davon ab, sich mit alltäglichem Sexismus in den eigenen Strukturen oder bei einem selbst zu beschäftigen. (Mehr dazu siehe: Input Text: Sexistische Gesellschaftsorganisation http://autonomerkongress.blogsport.de) Der Kongress hat gezeigt, dass autonome Politik immer noch nicht mit einem antipatriarchalen Kampf verbunden ist. Das ist ein ganz großes Manko, einmal werden die Autonomen dadurch unattraktiv und haben schon viele Genoss_innen verloren, auch werden sie ihrem eigenen emanzipativen Anspruch und dem Anspruch der Herrschaftsfreiheit nicht gerecht. Ebenso nutzen sie die Möglichkeiten für Veränderung nicht; es heißt: ,,Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Doch in Sachen Antisexismus wäre noch viel mehr Veränderung möglich.

Im II. Themenschwerpunkt ging es um „Strukturen, Bündnisse, Vernetzung und Organisierung“. Immer wieder war zu hören, wir wollen offener werden. Also nicht nur Capi ins Gesicht und immer schön cool mit den Freunden rumstehen. Oder die autonome Identität wahren, nach dem Motto wer als erster mit ner Person spricht, die nicht richtig autonom rüberkommt, ist vielleicht selbst gar nicht richtig autonom. Nein, dass soll der Vergangenheit angehören, Freundlichkeit, Offenheit, auf die Menschen zugehen ist gefragt. Schön gesagt, fraglich bleibt trotzdem, ob das in größerem Umfang passiert. Reden mit den Leuten bedeutet auch auf Vorurteile und Spießigkeiten oder gar Rassismen reagieren zu müssen, das ist nicht immer ganz einfach und macht oft keinen Spaß. Wie mit den Leuten diskutieren, wenn mensch vielleicht selbst noch gar keine gefestigte Meinung hat? Wie sich mit den Leuten auseinandersetzen ohne sie gleich ganz vor den Kopf zu stoßen und wo ist die Grenze, wo ist es angesagt konfrontativ zu werden und nicht mehr nett zu sein? Immer wieder wurden Beispiele erwähnt, wo es gut geklappt hat mit Leuten zusammen zu arbeiten, so z.B. bei Anti-AKW-Protesten, wo die Bevölkerung beginnt sich wegen der erhöhten Krebsraten zu wehren. In der Debatte taucht immer wieder eine Linie auf: Mit Leuten zusammenarbeiten Ja, mit Organisationen nicht unbedingt und erst recht nicht mit den Gewerkschaften und der Linkspartei. Hier wurde u.a. das Bild aufgebaut, dass Leute in Organisationen eh ihre feste Meinung hätten und wir die nicht für eine radikale Kritik gewinnen können. Doch ist das nicht zu starr gedacht. In der Mobilisierung zum Antira- und Klimacamp in Hamburg 2008 und zum UN Klima Gipfel 2009 in Kopenhagen arbeiten Autonome mit anderen Leuten und Organisationen zusammen, wie solid, attac, die bund jugend und die grüne jugend und die Leute lassen sich immer wieder von radikaleren Ansätzen, sowohl von den Forderungen, als auch von den Aktionen, inspirieren, mehr als sie es sonst so tun würden. Eine Radikalisierung findet statt. Dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen. Bis wohin die Bündnispartner gewählt werden, ist je nach Mobilisierung und Situation unterschiedlich. Bei den Demos zur Finanzkrise im März 2009 ging das Bündnis bis zu den Gewerkschaften und emanzipativeren Kräften in der Linkspartei. Dies viel dem Bündnis an manchen Punkten auf die Füße, z.B. als nicht verhindert werden konnte, dass Lafontain auf der Demo in Frankfurt spricht. Da blieb nur das Eierwerfen. Trotz des ganzen Redens kam die Diskussion an einigen Stellen nicht so richtig auf den Punkt. Die Frage, ist eine spektrenübergreifende Zusammenarbeit gewollt oder nicht, wurde nicht so richtig besprochen. Nach dem G8 waren die Perspektiventage im Januar 2008 in Berlin und im Oktober in Hamburg ein Versuch spektrenübergreifend zusammen zu kommen, sich zu streiten und in Kontakt zu treten. Das Angebot wurde im Januar noch wahrgenommen (500 Menschen), u.a. auch von Leuten vom WBA (Wir bleiben Alle!) Häuserkampf in Berlin, im Oktober war das Interesse allerdings erheblich abgesackt (100 Leute). Doch warum wird sich von der Zusammenarbeit mit anderen Strömungen und Spektren so wenig versprochen, autonome Politik ist wirkmächtiger, als sie manchmal meint. Die Angst von anderen beeinflusst und verwässert zu werden, übersieht, dass wir andere beeinflussen und radikalisieren. Das Thema Bündnisse bekam viel Raum in dem Schwerpunkt und das Feld Organisierung fiel dabei hinten runter. Dies bedauerten einige am Schluss. Immer wieder wurde angemerkt, die Zeiten, in denen sich viele autonome Kleingruppen einfach so bilden, haben sich verändert. Autonome Organisierung ist kein Selbstgänger. Es fehlt immer wieder an Strukturen wie überregionalen Treffen oder Vollversammlungen.

Die Eingangs erwähnte Debattenlücke zeigte sich auch in anderen Fragen autonomer Politik. Zwar wurde am Freitag zur Eröffnung sehr schön dargelegt, wie die Autonomen entstanden sind und was die Basis ihrer Politik ist. (Von dem sexistischen Zwischenfall abgesehen.) Von Selbstorganisierung war die Rede, vom Unabhängigsein von staatlichem- oder Parteien-Einfluss. Von Kollektivität und Konsens wurde gesprochen, dass die Meinungen nicht einer Mehrheit (Mehrheitsgesellschaft) untergeordnet werden. Mit Aktionismus, Politik auf der Strasse und nicht in den Konferenzräumen, mit Freiräumen, gelebter Kollektivität, Autonomie und Herrschaftsfreiheit ging es weiter. Doch wie und ob sich autonome Strategien verändert haben, ob die heutigen Verhältnisse (keine Kohl-Ära, keine Ost-Westblöcke, eine globalisierte Welt, kein Wohlfahrtsstaat BRD mehr, brüchiger Neoliberalismus, sich Umgruppierende globale Machtverhältnisse (wirtschaftliche Schwäche der USA, mächtigere Schwellenländer, finanzstarkes China), sich zuspitzende Militarisierung) nicht anderer Politiken bedürfen. Eine Analyse der Verhältnisse und eine Strategiebestimmung mit der Frage, wo wir künftig den Hebel ansetzen, fand nicht statt. Hier stachen alleinig zwei Vorschläge heraus. Ein ,,Diskussionspapier für einen neuen Aufbruch in die Fröste der Freiheit“ das eine Aufstands-Idee vorschlägt, die sich von den Ereignissen in Frankreich und Griechenland inspirieren ließ (siehe http://autonomerkongress.blogsport.de). Es fordert zum einen dazu auf offener zu werden und stärker auf die Leute zuzugehen, in der Annahme, dass viele so denken wie wir. ,,Die Perspektive lebenslänglicher Lohnarbeit, um dann doch allein zu verrecken und krank zu sein, ist einfach zu furchtbar.“ Es geht darum direkt mit den Leuten zu reden. Das Papier geht sogar noch einen Schritt weiter und meint, wir müssten uns von der subkulturellen Selbstbezogenheit abkehren, dadurch erlägen wir auch nicht weiter der Gefahr der Isolation oder der Avantgard. Stattdessen geht es darum mit den Leuten in der sozialen Konfrontation direkt am Punkt der Auseinandersetzung zusammen zu stehn. Weiter ,,Eins ist klar: Aufstände lassen sich nicht organisieren, Riots lassen sich organisieren.“ ,,… Und doch ermuntern uns die Entwicklungen der letzten Jahre dazu, einen Aufstand in unserem Sinne, eine neue kämpferische Internationale perspektivisch für möglich zu halten.“ Ein anderer orschlag knüpfte an die Zahltage in Köln an und schlug vor unseren eigenen Alltag und unsere Geldbeschaffung wieder stärker zu politisieren, ob beim Job oder im Jobcenter. Diesen grundlegenden Knuten des Kapitalismus nicht alleine zu begegnen, sondern praktische Solidarität zu leben, wie gemeinsam zum Amt zu gehen, andere zu unterstützen und Geld zu teilen. Über die Möglichkeit gelebter Solidarität hinaus, die Orte kapitalistischer Unterjochung auch für Widerstand zu nutzen und den Hebel da anzusetzen, wo es viel Unzufriedenheit von Leuten gibt und Verteilungs- und Eigentumsfragen Punkte einer kämpferischen Auseinandersetzung sein könnten. Beide Vorschläge konnten jedoch nur andiskutiert werden und standen etwas unverbunden im Raum qua fehlender Analyse der Verhältnisse und fehlender Einbettung in die Landschaft autonomer Strategien und Politikansätze. Um dies nachzuholen bedarf es mehr Zeit und die soll sich laut Willenbekundung auch genommen werden u.a. auf einem nächsten Kongress. Doch dazu bedarf es auch Diskussionen im Vorfeld, nicht nur z.B. auf der autonomen VV in Berlin, sondern auch in unseren Gruppen, an den Küchen- und Kneipentischen. Wir dürfen gespannt sein.

Sabine Beck (six hills berlin)


2 Antworten auf „Ein erster Schritt, der auf Vertiefung wartet autonom kongress – ein Rückblick“


  1. 1 Kevin 23. November 2009 um 22:56 Uhr

    Jetzt, wo ich das Theaterstueck kenne, finde ich den Ausschluss der beiden nicht richtig. Sie sind ja gar nicht ausfaellig geworden. Das hatte ich gedacht, so wie ich den einen kenne!

  2. 2 Dagmar 21. Januar 2010 um 19:42 Uhr

    Warum wird der sexisitische Zwischenfall verschwiegen? Und warum wurden Texte wieder von der Webseite genommen, die damit in Verbindung stehen? Das alles gehörte auch zum Kongress und sollte der Vollständigkeit halber dokumentiert und kritisch kommentiert werden.

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