Archiv für Februar 2010

ZUM THEATER AUF DEM KONGRESS – ein statement der orga-gruppe

als orga wollen wir an dieser stelle noch ein paar worte dazu verlieren, wie es zu unserem entschluss gekommen ist, m. und n. (willi und otto) nach den ereignissen am freitagabend nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen, aber auch wie es dazu gekommen ist, dass wir dem theaterstück der beiden überhaupt eine bühne zu verfügung gestellt haben.

auf dem ‚autonom kongress‘ führten m. und n. ihre inhalte am freitagabend in form eines theaterstückes als zweiten inputbeitrag zum thema ‚autonome / autonomie‘ auf. in einem kurzen abschnitt des stückes hieß es sinngemäß: einer hatte jahrelang schlechten sex mit seiner freundin und dann wurde er aus der szene gemobbt. (der genaue text ist mittlerweile an verschiedenen stellen nachzulesen u.a. in der interim nr. 701).
m. und n. bewegen sich seit jahren bzw. jahrzehnten in linksradikalen zusammenhängen und sind sich sehr wohl bewusst darüber, dass ein ausschluss aus der szene (in einer oder mehreren städten) ausschließlich zum schutz von betroffenen von vergewaltigungen gefordert wird. daher bedeutet ihre darstellung in dieser kürze die gleichsetzung von vergewaltigungen mit schlechtem sex und die denunzierung antisexistischer praxen als szene-mobbing und bloßes frustablassen.
schon während des theaterstücks selbst gab es unruhe im plenum, aber offensichtlich waren viele und auch wir als orga nicht in der lage, spontan darauf zu reagieren und waren erstmal sprachlos. in der folgenden diskussion äußerten die meisten heftige kritik und empörung über diese darstellung sexualisierter gewalt. einige verließen die flora und, wie wir später erfahren haben, den gesamten kongress.
wir als orga haben dann an dem punkt eingegriffen, als in dieser angespannten situation eine person auf die idee kam, m. und n. könnten ihre positionen genauer darstellen. wir wollten eben nicht, dass es weiter eine bühne für eine verharmlosende und entpolitisierende darstellung sexualisierter gewalt und eine weitere denunziation von antisexistischer praxis gibt. mit dem diskussionsbeitrag ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘ war deutlich, wohin die reise inhaltlich gehen könnte. dieser text war kurz zuvor in den kongressblog gestellt worden und differenziert die positionen des theaterstückes recht genau aus. ( auch nachzulesen unter direktem aufruf des alten links http://autonomerkongress.blogsport.de/images/position22at.pdf)
der spontane vorschlag, der von uns am freitag abend im plenum gemacht wurde, war, die punkte ‚antisexistische praxen‘ und ‚ausschlusspolitik‘ in dem entsprechenden themenblock am samstag zu diskutieren. dazu wurde von den anwesenden kein widerspruch geäußert und die diskussion darüber für diesen abend beendet.

im anschluss haben wir zum einen noch mit menschen ausserhalb der orga-gruppe gesprochen, um ein bild davon zu bekommen, wie andere die situation empfunden haben und bewerten. zum anderen haben wir nachts diskutiert, wie wir weiter damit umgehen. hier müssen wir anmerken, dass die orga aus sehr wenig leuten bestand, die auch nur zum teil gemeinsame praktische erfahrungen hatten. d.h. wir mussten uns erstmal über unsere positionen austauschen, einen gemeinsamen standpunkt finden und gucken, wie wir uns kollektiv verhalten und äußern können. einig waren wir uns darin, dass wir diese sexistische haltung nicht einfach hinnehmen und nach kurzem empörten kommentar zur tagesordnung übergehen können. gleichzeitig gab es auch die befürchtung, dass die auseinandersetzung mit m. und n. den kongress dermaßen dominieren könnte, dass alle anderen themen und nötigen auseinandersetzungen nicht stattfinden könnten.
in diesen zusammenhang gehört, dass wir mitgekriegt hatten, dass tatsächlich schon einige leute, vor allem aus frauenlesbentrans zusammenhängen den kongress verlassen hatten und auch nicht vorhatten wiederzukommen. wir finden es fatal, dass durch so eine verletzende provokation die bereitschaft zur diskussion zerstört wird.
wir haben uns in einer verantwortung gesehen, stille ausschlüsse zu verhindern. die gleichsetzung von vergewaltigung mit schlechtem sex (und die differenzierungen in dem nicht blöd werden! text) hat ein massives potential, betroffene erneut zu verletzen, deren einziger selbstschutz oft genug ist, zu gehen. um derartige verletzungen zu verhindern sind schutzräume notwendig. diese zu schaffen, bedeutet leider auch, leute auszuschließen, die diesen raum nicht respektieren. ausschlüsse sind daher für betroffene und keinesfalls als bestrafung zu verstehen.
zusammenfassend bedeutete das für uns, dass die beiden an einem wesentlichen punkt die koordinaten einer gemeinsamen politik verlassen hatten. für uns gab es keinen weg, der eingeschlossen hätte, dass beide ihre positionen weiter darstellen konnten.

unsere entscheidung war, dass die beiden von uns aus nicht mehr am kongress teilnehmen sollen und das dem plenum am samstag morgen so mitzuteilen. es ging darum einen entschluss der gruppe mitzuteilen und eine eindeutige position von uns rüberzubringen und zu erklären. es ging keineswegs darum, diesen entschluss gegen widerspruch und veto durchzudrücken. diesen raum für widerspruch haben wir, so denken wir auch jetzt, dem plenum gelassen. bei eindeutigen fürsprachen für m. und n. oder der positionierung des plenums für eine anwesenheit von beiden, hätten wir dem nicht im weg stehen können. die einzige konsequenz für uns wäre dann gewesen, dass teile der orga die gruppe verlassen hätten.
am samstagmorgen, nachdem wir unsere position dargestellt hatten, haben wir nocheinmal vorgeschlagen, das thema ‚ausschlüsse‘, sollte das bedürfnis da sein, im entsprechenden themenschwerpunkt zu diskutieren.
zu unserer eigenen überraschung gab es aber tatsächlich weder eine längere diskussion über die frage der anwesenheit von m. und n. noch wurde später im themenschwerpunkt über das thema ausschlüsse diskutiert.
stattdessen schienen viele über die position der orga-gruppe erleichtert und teilten die entscheidung, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen.
wir wurden von manchen dann auch kritisiert, dass wir die frage grundsätzlich zur diskussion hätten stellen müssen. trotzdem halten wir unseren weg nach wie vor für richtig.
über das ganze wochenende, im abschlussplenum und auch noch jetzt, monate später, gab es ein grundsätzlich positives feedback, vor allen dingen mit dem tenor, dass es auch mal zeit wurde, dass eine orga-gruppe so konsequent ist.

schon bei einer vollversammlung zur vorbereitung des kongresses im juli in der flora hatten m. und n. ihre positionen zu bzw. gegen antisexismus öffentlich formuliert und für einigen unmut, genervte diskussionen und ein ‚typisch, war ja klar‘ gesorgt. ‚typisch‘ bezog sich dabei vor allem auf m.s längere geschichte von provozierenden und sich selbst inszenierenden auftritten mit diesem thema. erfahrungen übrigens, die dann ganz offensichtlich von diversen kongressteilnehmer_innen geteilt wurden. auch da schon hatte eine person die vv aufgrund dessen verlassen.
als m. das input zum themenschwerpunkt ‚autonome / autonomie‘ als theaterstück ankündigte, haben wir uns dennoch nicht dagegen entschieden. zwar gab es bei einigen unwohlsein und missmut gegenüber m., gleichzeitig aber auch persönliche freundschaft. angesichts diverser veröffentlichungen von m., hielten wir ein input von ihm zum thema ‚autonomie‘ für durchaus sinnvoll. eine eindeutige positionierung gegen seine beteiligung gab es innerhalb unserer gruppe nicht. angesichts nicht genau geführter diskussionen unter uns und all den bekannten erfahrungen, betrachten wir es als unseren fehler m. und n. die möglichkeit gegeben zu haben, ihre positionen als input zu bringen. es war, so glauben einige von uns, unsere naivität, aufgrund einiger privater gespräche mit m. zu denken, diesmal würden provokationen dieser art unterbleiben. auch wenn wir in der vorbereitung geredet hatten, dass unsere moderation eingreifen muss, sollte m. gezielt destruktive beiträge jenseits des theaterstückes abliefern. damit, dass dies schon im input eindeutig der fall ist, hatten wir einfach nicht gerechnet.
der genaue inhalt des inputs war uns vor beginn des stückes nicht bekannt. wir wussten nur von einem theaterstück zum thema des schwerpunktes. das hier schon öfter genannte papier ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘, ist kurz vor beginn des kongresses als diskussionspapier und auf nachfrage explizit nicht als input- referat an den blog geschickt worden.

unsere position war, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen. nicht mehr und nicht weniger. 2 leute sind für 2 tage auf einer bestimmten veranstaltung nicht willkommen.
unsere erklärung kann sich nicht auf andere räume oder andere situationen beziehen und wir wollen und werden auch nicht irgendwelche wünsche in diese richtung formulieren.
wann, wo und wie mögliche weitere konflikte mit m. und n. geführt und gelöst werden, liegt an den dort beteiligten strukturen und menschen.
als zeitlich und inhaltlich begrenzter zusammenhang sehen wir es über dieses papier hinaus nicht als unsere aufgabe oder notwenigkeit, uns weiter mit m. oder n. bzw. diesem konflikt ausführlicher zu befassen. daran werden auch weitere veröffentlichungen und erklärungen von beiden nichts verändern. wir möchten nur anmerken, dass der an uns adressierte brief, auf den m. und n. sich in ihren texten beziehen, sicherlich vieles war, jedoch keineswegs freundlich.

orga-gruppe ‚autonom kongress‘, januar 2010