ZUM THEATER AUF DEM KONGRESS – ein statement der orga-gruppe

als orga wollen wir an dieser stelle noch ein paar worte dazu verlieren, wie es zu unserem entschluss gekommen ist, m. und n. (willi und otto) nach den ereignissen am freitagabend nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen, aber auch wie es dazu gekommen ist, dass wir dem theaterstück der beiden überhaupt eine bühne zu verfügung gestellt haben.

auf dem ‚autonom kongress‘ führten m. und n. ihre inhalte am freitagabend in form eines theaterstückes als zweiten inputbeitrag zum thema ‚autonome / autonomie‘ auf. in einem kurzen abschnitt des stückes hieß es sinngemäß: einer hatte jahrelang schlechten sex mit seiner freundin und dann wurde er aus der szene gemobbt. (der genaue text ist mittlerweile an verschiedenen stellen nachzulesen u.a. in der interim nr. 701).
m. und n. bewegen sich seit jahren bzw. jahrzehnten in linksradikalen zusammenhängen und sind sich sehr wohl bewusst darüber, dass ein ausschluss aus der szene (in einer oder mehreren städten) ausschließlich zum schutz von betroffenen von vergewaltigungen gefordert wird. daher bedeutet ihre darstellung in dieser kürze die gleichsetzung von vergewaltigungen mit schlechtem sex und die denunzierung antisexistischer praxen als szene-mobbing und bloßes frustablassen.
schon während des theaterstücks selbst gab es unruhe im plenum, aber offensichtlich waren viele und auch wir als orga nicht in der lage, spontan darauf zu reagieren und waren erstmal sprachlos. in der folgenden diskussion äußerten die meisten heftige kritik und empörung über diese darstellung sexualisierter gewalt. einige verließen die flora und, wie wir später erfahren haben, den gesamten kongress.
wir als orga haben dann an dem punkt eingegriffen, als in dieser angespannten situation eine person auf die idee kam, m. und n. könnten ihre positionen genauer darstellen. wir wollten eben nicht, dass es weiter eine bühne für eine verharmlosende und entpolitisierende darstellung sexualisierter gewalt und eine weitere denunziation von antisexistischer praxis gibt. mit dem diskussionsbeitrag ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘ war deutlich, wohin die reise inhaltlich gehen könnte. dieser text war kurz zuvor in den kongressblog gestellt worden und differenziert die positionen des theaterstückes recht genau aus. ( auch nachzulesen unter direktem aufruf des alten links http://autonomerkongress.blogsport.de/images/position22at.pdf)
der spontane vorschlag, der von uns am freitag abend im plenum gemacht wurde, war, die punkte ‚antisexistische praxen‘ und ‚ausschlusspolitik‘ in dem entsprechenden themenblock am samstag zu diskutieren. dazu wurde von den anwesenden kein widerspruch geäußert und die diskussion darüber für diesen abend beendet.

im anschluss haben wir zum einen noch mit menschen ausserhalb der orga-gruppe gesprochen, um ein bild davon zu bekommen, wie andere die situation empfunden haben und bewerten. zum anderen haben wir nachts diskutiert, wie wir weiter damit umgehen. hier müssen wir anmerken, dass die orga aus sehr wenig leuten bestand, die auch nur zum teil gemeinsame praktische erfahrungen hatten. d.h. wir mussten uns erstmal über unsere positionen austauschen, einen gemeinsamen standpunkt finden und gucken, wie wir uns kollektiv verhalten und äußern können. einig waren wir uns darin, dass wir diese sexistische haltung nicht einfach hinnehmen und nach kurzem empörten kommentar zur tagesordnung übergehen können. gleichzeitig gab es auch die befürchtung, dass die auseinandersetzung mit m. und n. den kongress dermaßen dominieren könnte, dass alle anderen themen und nötigen auseinandersetzungen nicht stattfinden könnten.
in diesen zusammenhang gehört, dass wir mitgekriegt hatten, dass tatsächlich schon einige leute, vor allem aus frauenlesbentrans zusammenhängen den kongress verlassen hatten und auch nicht vorhatten wiederzukommen. wir finden es fatal, dass durch so eine verletzende provokation die bereitschaft zur diskussion zerstört wird.
wir haben uns in einer verantwortung gesehen, stille ausschlüsse zu verhindern. die gleichsetzung von vergewaltigung mit schlechtem sex (und die differenzierungen in dem nicht blöd werden! text) hat ein massives potential, betroffene erneut zu verletzen, deren einziger selbstschutz oft genug ist, zu gehen. um derartige verletzungen zu verhindern sind schutzräume notwendig. diese zu schaffen, bedeutet leider auch, leute auszuschließen, die diesen raum nicht respektieren. ausschlüsse sind daher für betroffene und keinesfalls als bestrafung zu verstehen.
zusammenfassend bedeutete das für uns, dass die beiden an einem wesentlichen punkt die koordinaten einer gemeinsamen politik verlassen hatten. für uns gab es keinen weg, der eingeschlossen hätte, dass beide ihre positionen weiter darstellen konnten.

unsere entscheidung war, dass die beiden von uns aus nicht mehr am kongress teilnehmen sollen und das dem plenum am samstag morgen so mitzuteilen. es ging darum einen entschluss der gruppe mitzuteilen und eine eindeutige position von uns rüberzubringen und zu erklären. es ging keineswegs darum, diesen entschluss gegen widerspruch und veto durchzudrücken. diesen raum für widerspruch haben wir, so denken wir auch jetzt, dem plenum gelassen. bei eindeutigen fürsprachen für m. und n. oder der positionierung des plenums für eine anwesenheit von beiden, hätten wir dem nicht im weg stehen können. die einzige konsequenz für uns wäre dann gewesen, dass teile der orga die gruppe verlassen hätten.
am samstagmorgen, nachdem wir unsere position dargestellt hatten, haben wir nocheinmal vorgeschlagen, das thema ‚ausschlüsse‘, sollte das bedürfnis da sein, im entsprechenden themenschwerpunkt zu diskutieren.
zu unserer eigenen überraschung gab es aber tatsächlich weder eine längere diskussion über die frage der anwesenheit von m. und n. noch wurde später im themenschwerpunkt über das thema ausschlüsse diskutiert.
stattdessen schienen viele über die position der orga-gruppe erleichtert und teilten die entscheidung, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen.
wir wurden von manchen dann auch kritisiert, dass wir die frage grundsätzlich zur diskussion hätten stellen müssen. trotzdem halten wir unseren weg nach wie vor für richtig.
über das ganze wochenende, im abschlussplenum und auch noch jetzt, monate später, gab es ein grundsätzlich positives feedback, vor allen dingen mit dem tenor, dass es auch mal zeit wurde, dass eine orga-gruppe so konsequent ist.

schon bei einer vollversammlung zur vorbereitung des kongresses im juli in der flora hatten m. und n. ihre positionen zu bzw. gegen antisexismus öffentlich formuliert und für einigen unmut, genervte diskussionen und ein ‚typisch, war ja klar‘ gesorgt. ‚typisch‘ bezog sich dabei vor allem auf m.s längere geschichte von provozierenden und sich selbst inszenierenden auftritten mit diesem thema. erfahrungen übrigens, die dann ganz offensichtlich von diversen kongressteilnehmer_innen geteilt wurden. auch da schon hatte eine person die vv aufgrund dessen verlassen.
als m. das input zum themenschwerpunkt ‚autonome / autonomie‘ als theaterstück ankündigte, haben wir uns dennoch nicht dagegen entschieden. zwar gab es bei einigen unwohlsein und missmut gegenüber m., gleichzeitig aber auch persönliche freundschaft. angesichts diverser veröffentlichungen von m., hielten wir ein input von ihm zum thema ‚autonomie‘ für durchaus sinnvoll. eine eindeutige positionierung gegen seine beteiligung gab es innerhalb unserer gruppe nicht. angesichts nicht genau geführter diskussionen unter uns und all den bekannten erfahrungen, betrachten wir es als unseren fehler m. und n. die möglichkeit gegeben zu haben, ihre positionen als input zu bringen. es war, so glauben einige von uns, unsere naivität, aufgrund einiger privater gespräche mit m. zu denken, diesmal würden provokationen dieser art unterbleiben. auch wenn wir in der vorbereitung geredet hatten, dass unsere moderation eingreifen muss, sollte m. gezielt destruktive beiträge jenseits des theaterstückes abliefern. damit, dass dies schon im input eindeutig der fall ist, hatten wir einfach nicht gerechnet.
der genaue inhalt des inputs war uns vor beginn des stückes nicht bekannt. wir wussten nur von einem theaterstück zum thema des schwerpunktes. das hier schon öfter genannte papier ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘, ist kurz vor beginn des kongresses als diskussionspapier und auf nachfrage explizit nicht als input- referat an den blog geschickt worden.

unsere position war, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen. nicht mehr und nicht weniger. 2 leute sind für 2 tage auf einer bestimmten veranstaltung nicht willkommen.
unsere erklärung kann sich nicht auf andere räume oder andere situationen beziehen und wir wollen und werden auch nicht irgendwelche wünsche in diese richtung formulieren.
wann, wo und wie mögliche weitere konflikte mit m. und n. geführt und gelöst werden, liegt an den dort beteiligten strukturen und menschen.
als zeitlich und inhaltlich begrenzter zusammenhang sehen wir es über dieses papier hinaus nicht als unsere aufgabe oder notwenigkeit, uns weiter mit m. oder n. bzw. diesem konflikt ausführlicher zu befassen. daran werden auch weitere veröffentlichungen und erklärungen von beiden nichts verändern. wir möchten nur anmerken, dass der an uns adressierte brief, auf den m. und n. sich in ihren texten beziehen, sicherlich vieles war, jedoch keineswegs freundlich.

orga-gruppe ‚autonom kongress‘, januar 2010


12 Antworten auf „ZUM THEATER AUF DEM KONGRESS – ein statement der orga-gruppe“


  1. 1 Interessierte 05. März 2010 um 12:21 Uhr

    Könnt ihr den von Euch erwähnten „genauen Text“, der mittlerweile an verschiedenen Stellen nachzulesen sei, veröffentlichen? Die verbotene Ausgabe der Interim 701 ist ja nicht mehr erhältlich. Wo gibt es diesen Text sonst noch?

  2. 2 anonym 06. März 2010 um 0:12 Uhr

    etliche besucher_innen sind nach dem verkündeten ausschluss gegangen, weil sie sich unter diesen voraussetzungen nicht organisieren wollten. ein weiterer stiller ausschluss. aber was soll man_frau dagegen tun? vielleicht gibt es nur eine antwort: man_frau hätte den kongress mit einer saftigen teilnehmer_innengebühr irgendwo auf dem land machen sollen. dann wären nur die gekommen, die wirklich interesse daran haben und die wären auch alle geblieben. wetten?

  3. 3 rödelzecke 07. März 2010 um 23:05 Uhr

    Das mit der Gebühr – siehe „anonym“ verstehe ich zwar nicht.
    Allerdings kann auch ich bestätigen, daß mehrere Menschen den Kongress verlassen haben wegen der Ausschlüsse.
    Und das kann ich mehr als nachvollziehen. Insbesondere nachdem ich den Wortlaut des „Theaterstückkes“ gelesen habe.
    Sexistischer Vorfall!? Einfach sprachlos.
    Unter solchen Sprech- und Denkverboten will ich mich nicht organisieren.
    Schade; weil diverse Diskussionen durchaus spannend waren/sind.
    Aber unter solchen Bedingungen ist jede offene Diskussion – egal zu welchem Thema – unmöglich.
    Und somit auch der Sinn und Zweck eines Kongresses in Frage gestellt.
    Zur selbstorganisierten (pseudokritischen)Selbstbeweihräucherung kann ich jede X-beliebige Sekte oder K-Gruppe kontaktieren.
    Zum Glück gibt es ja noch andere Zusammenhänge, wo das noch etwas anders praktiziert wird.
    Das „Label“ autonom wird mir immer peinlicher…..

    Und ab dafür……

  4. 4 Brennen Eure Herzen noch? 11. März 2010 um 7:58 Uhr

    „Es hat immer wieder Fälle gegeben, bei denen mit der Definitionsmacht unehrlich umgegangen wurde, oder sie mißbraucht wurde, aus persönlichen oder politischen Gründen.“

    Diese Erfahrung von Franz und Mandy Meiser (zitiert aus Interim Nr. 509 vom 7.9.2000) habe ich als langjährig in linksradikalen Zusammenhängen Aktive leider auch machen müssen. (Und das ist ein Riesenproblem, insbesondere für feministische Politik.) Insofern ist Euer nachfolgend zitierter Satz nicht richtig: „ein ausschluss aus der szene (in einer oder mehreren städten) wird ausschließlich zum schutz von betroffenen von vergewaltigungen gefordert“. Das ist falsch. Und damit sind auch alle Eure Schlussfolgerungen nicht mehr richtig.

    Euer Papier hat bei mir mehr Fragen als Antworten aufgeworfen: Warum habt Ihr die beiden Genossen, mit denen Ihr offenbar sogar persönlich befreundet seid (!), nicht gefragt? Warum habt Ihr sie nicht Rede und Antwort stehen lassen? Das hätte Klarheit gebracht und danach hätte man, wäre Eure Spekulation bestätigt worden (was ich nicht glaube), immer noch Sanktionen verhängen können. Stattdessen habt Ihr ihnen das Wort verboten: keine Erklärung erwünscht, Diskussion nur, wenn die beiden nicht mehr dabei sind. Zählt für Autonome nicht die Qualität der Argumente mehr als ihre Quantität oder irgendwelche Statistiken?

    Ihr macht es Euch leicht, wenn Ihr Euch mit Euer in der Kritik stehenden Entscheidung nicht mehr befassen wollt. Aber vorher nochmal ein Papier, die eigene Absolution, in die Welt gesetzt. Dabei kann ich das Zustandekommen Eurer spontanen, nächtlichen Entscheidung verstehen. Aber mit etwas zeitlichem Abstand, hätte ich doch auch eine selbstkritische Reflexion erwartet. Es war ja so: Druck wurde auf Euch ausgeübt. Und das ging soweit, wie Ihr sagt, dass sogar intern gedroht wurde: Ich verlasse die Orga-Gruppe, wenn die beiden nicht ausgeschlossen werden. Das ist autoritär und alles andere als autonom. Und als Orga-Gruppe Eure Entscheidung im Plenum kund zu tun ist ebenso autoritär. Denn wer wagt sich, der Orga-Gruppe zu widersprechen? Das trauen sich nur wenige.

    Ein Theaterstück (Hallo! Ja! Es war ein Theaterstück! Und zum Glück kein William Shakespeare, denn wer will den schon?) wie das ausgeführte muss meiner Meinung nach ein linker Kongress aushalten. Wie wollen wir als Autonome die Verhältnisse umstürzen, wie den Konflikt mit den Herrschenden, mit Kapital, Rassismus und Patriarchat führen, wenn wir schon mit solchem Pippifax nicht zurecht kommen?

    C.

  5. 5 Name 24. März 2010 um 16:28 Uhr

    Ich bin auch für das Austragen von Konflikten in Diskussionen und gegen (Teilnahme-)Verbote.

  6. 6 A.F.L. 30. März 2010 um 21:34 Uhr

    Erstens: ALLE MÄNNER SIND POTENZIELLE VERGEWALTIGER.
    Zweitens: JEDER AUSSCHLUSS EINES TYPEN ERWEITERT UNSERE FREIRÄUME.
    Drittens: DIE ORGA-GRUPPE WAR KONSEQUENT.
    Viertens: JEDES WEITERE STATEMENT WÄRE NICHT NÖTIG GEWESEN.

  7. 7 rödelzecke 05. April 2010 um 16:27 Uhr

    Zu A.F.L.:
    Ja prima wenn es so einfach ist!
    Dann wünsche ich weiterhin viel Spaß.
    Ich mach dann mal was schönes…

  8. 8 Autonomer Individualist 14. April 2010 um 10:06 Uhr

    Alle Männer sollten mal ihren Umgang mit Frauen und insb. ihren Freundinnen reflektieren. Auch die Männer aus der Kongressorga (F.) und die Theaterspieler (M.+N.).

  9. 9 letztes 16. April 2010 um 4:14 Uhr

    in den zum thema gehörigen texten sind einige interessante und bedenkenswerte ansätze zu finden, die bisher leider gar nicht inhaltlich aufgegriffen wurden. nach der lektüre dieser texte und auch des oben stehenden blog-eintrags des vorbereitungskreises ist für mich noch neues und bemerkenswertes hinzugekommen:

    in dem theaterstück der beiden genoss_innen wurden aus allen vorliegenden inputs aspekte herausgegriffen. das theaterstück versuchte, die verschiedenen kongressbeiträge miteinander zu verbinden, in ein verhältnis zu setzen und einen überblick zu liefern, was die teilnehmer_innen an dem wochenende erwartet. das theaterstück hat daher ein stück weit die realität widergespiegelt. wie der vorbereitungskreis bzw. die kongress-orga schreibt, war der in einem auf dem kongress verteilten flugblatt kritisierte text „nicht blöd werden!“ gar nicht der input zu dem theaterstück.

    an dem stück gibt es viel auszusetzen (zu oberflächlich, wenig zuspitzung auf eine diskussion), aber die hier geäußerte kritik ist fehl am platz. es käme auch keine_r auf die idee, brechts „der aufhaltsame aufstieg des arturo ui“ als ein faschistisches theaterstück zu bezeichnen und den schauspielern vorzuwerfen, sie hätten sich klar gegen hitler positionieren müssen.

    bei ausschlüssen geht es immer um macht und nicht mehr um emanzipation. der vorbereitungskreis bzw. die orga-gruppe benutzt jedoch bewusst das wort „ausschluss“ nicht. die beiden genoss_innen wurden gebeten, nicht mehr zu kommen. der bitte sind sie nachgekommen. damit könnte man die sache abschließen, denn tatsächlich ist jedes weitere statement dazu unnötig – von allen beteiligten und auch den unbeteiligten.

    dieser blog-eintrag des vorbereitungskreises hat mit abstand die meisten (kritischen) kommentare. kein anderer artikel dieser internetseite hat so viel widerspruch erhalten. das zeigt die fragilität der entscheidung des vorbereitungskreises.

  10. 10 xx 21. Juni 2010 um 12:27 Uhr

    ich möchte hiermit versuchen zu erklären, warum der teil des theaterstückes, der sich mit antisexismus befasst für mich erstens nicht akzeptabel und zweitens keine diskussionsgrundlage ist; nicht, weil ich eine diskussion über antisexistische praxen als unwichtig empfinde (sinngemäße selbstpositionierung von otto auf der vorbereitungsVV zum kongress), sondern im gegenteil, weil ich diskussionen und reflexionen zu diesem thema für sehr wichtig halte. Ich denke, dass solange wir in einer gesellschaft leben, die eine dominanz von männlichkeit als normal empfindet und ihre mitglieder entsprechend sozialisiert, eine reflexionsbasierte praxis eine notwendigkeit ist, um sexismus zu überwinden. Da diese binsenweisheit idR von anderen linksradikalen menschen geteilt wird, war ein entsprechender diskussionspunkt inklusive input im themenprogramm für den kongress enstanden und für sa-nachmittag organisiert worden.
    jetzt zur kritik an den beiträgen von otto&wille.
    da otto&willi ein neues theaterstück als reaktion auf ihren ausschluss geschrieben haben, das die entsprechende passage wiederholt und auch ansonsten ihre sicht der dinge zeigt, werde ich einen zusammenhängenden ausschnitt hiervon als grundlage meiner kritik verwenden.
    (http://media.de.indymedia.org/media/2009/11//267332.pdf:2f)

    ganz allgemein: es handelte sich bei dem sogenannten theaterstück nicht um ein theater, bei dem fiktive personen und handlungen von schauspielern gespielt werden, sondern um eine art kabarett, bei dem die sprecher ihre meinung auch in satirischer form direkt formulieren.

    „OTTO: Ein weiteres der Themen, das wir angerissen haben war die Ausschluss-Praxis. Und das hatte ja einen guten Grund. Auf Wunsch einer Berliner Gruppe aus dem Umfeld der Konferenz „Antisexistische Praxen” wurde „Rausschmisspolitik” auf die Tagesordnung der Hamburger Kongressvorbereitung gesetzt, irgendwann so in der zweiten Septemberhälfte.
    • WILLI: Ja, das ist wirklich ein starkes Stück: Da wird ein AutonomKongress angekündigt, in der Einladung steht „bringt euch ein”, macht alle mit, herzlich willkommen und hinter den Kulissen verhandelt man über Rausschmissgruppen. Wo leben wir eigentlich?“

    -> es gibt menschen, die (auch) innerhalb linksradikaler zusammenhänge erfahrungen von sexistischen übergriffen machen mussten/müssen. wahrscheinlich niemad möchte, dass der schock, der vertrauensbruch, die verletzung oder das trauma unvorbereitet auf einer veranstaltung „ausgehalten“ werden muss, wenn es vorfälle geben sollte. deshalb halten einige menschen es für wichtig, im vorfeld strukturen zu organisieren, die reaktions- und handlungsmöglichkeiten eröffnen. in diesem zusammenhang von „rausschmissgruppen“ zu sprechen ist eine verunglimpfung von praktiken, die ansprüche wie antisexismus im gelebten alltag umzusetzen versuchen. solche formulierungen sind verachtend und zynisch im angesicht der realität von betroffenen und zeigen eine unreflektiertheit nicht der vorbereitungen zum kongress, sondern in den äußerungen von otto&willi.
    „von verhandlungen hinter den kulissen“ zu sprechen, wenn im rahmen einer vorbereitenden VV menschen ihnen wichtige themen ansprechen ist die verächtlichmachung einer struktur, die in linksradikalen zusammenhängen üblich ist, um einen anspruch von egalität und partizipation umzusetzen:, nämlich VV’s. „bringt euch ein, macht alle mit“ war daher ernst gemeint und natürlich sollte jede_r respektieren, worüber gerade gesprochen wird.

    „• OTTO: Ja, schlimm ist das. Und Transparenz über diese Diskussion und über das Ergebnis war der Orga-Gruppe schnuppe.“

    -> jeder, der ein interesse hatte, konnte in der vorbereitungsgruppe und der vorbereitungsVV mitmachen und seine konstruktive meinung äußern. auch eine mail-funktion und ein fach im infoladen waren eingerichtet. sich aber reinen provokationen und diffamierungen auszusetzen („war der Orga-Gruppe schnuppe.“) ist allerdings ziemlich anstrengend und übersteigt die bereitschaft vieler menschen.

    „• WILLI: Grotesk. Und das bei einem Kongress, der ohne Anlass stattfindet…
    • OTTO: …Moment! Anlass war 20 Jahre Rote Flora!
    • WILLI: Ja und? Der Autonomie-Kongress 1995 in Berlin ist aus aktuellen Fragestellungen
    erwachsen und war an alle adressiert, die ähnliche Fragen hatten. Ganz anders der Kongress in Hamburg 2009 – aus Anlass „20 Jahre Flora”. Und da hatten die Hamburgerinnen und Hamburger inhaltlich nichts wichtigeres zu tun, als über „Rausschmisspolitik” zu reden. Das ist traurig.“

    -> diese aussage („ohne anlass“) ist ein schlag ins gesicht für alle, die sich monatelang getroffen haben, gedanken gemacht haben, mobilisierungs- und einladungstexte geschrieben haben und nicht zuletzt für alle, die der meinung waren/sind, dass es wichtig ist, sich zwischen und innerhalb der linksradikalen bewegung(en) auszutauschen und dass dies zu lange nicht bzw zu selten geschieht. ich verstehe nicht, warum menschen, die keinen anlass für einen austausch sehen diesen auch noch herunterputzen müssen.
    dass es inhaltlich „nichts wichtigeres gab als rausschmisspolitik“ ist sowohl eine verleumdung und verkürzung von antisexistischer arbeit (s.o.), als auch eine verachtung gegenüber allen menschen, die die anderen diskussionsthemen formuliert, vorbereitet und organisiert haben. ich frage mich, was otto&willi während der vorbereitungsVV mitbekommen haben??

    „• OTTO: Gut. „Rausschmisspolitik” – ein Thema für uns. Grosszügig geschätzt eine Minute ging es in unserem Stück um einen realen Ausschluss eines Genossen. Der war mit seiner Freundin ins Gespräch über den gemeinsamen Sex gekommen, das wurde von dritten aufgeschnappt, mit dem Sexismus-Etikett versehen und der Ausschluss dieses Genossen exerziert.
    • WILLI: Wir beiden Schauspieler gerieten darüber in Konflikt und beendeten das Thema mit
    offenem Ausgang.
    • OTTO: Die Szene kam bei manchen so an, dass wir sexuelle Gewalt auf schlechten Sex reduzieren wollten.
    • WILLI: Unsinn! Weder du noch ich haben von sexueller Gewalt gesprochen. Und die Freundin des erfolgreich rausgemobbten Genossen übrigens auch nicht.
    • OTTO: Und wir wollten das auch nicht sagen. Aber so haben das einzelne verstanden. Das ist ein Problem.“

    Im original heißt es, dass die zwei personen „Richtig schlechten und trostlosen Sex [hatten]. Darüber sind sie dann zurecht in Streit gekommen. (…) der Genosse wurde dann aus den autonomen Zusammenhängen rausgemobbt, ziemlich umsichtig wurde das gemacht, das wird man doch wohl hier als einen Sieg des Antisexismus bezeichnen dürfen oder nicht? (:11) “

    -> im vorfeld dieser passage haben otto&willi von entwicklungen in den biografien von (ehemals) autonomen bzw linksradikalen gesprochen, die wohl beispielhaft sein sollten. Original: „Sag mal, 2.000 Leute [1995]. Die sind nicht mehr hier. Was ist aus diesen Autonomen geworden?“ als eines der beispiele folgt die passage über den „rausgemobbten“. jetzt wundert willi sich hier, warum einige menschen die beschreibung der vorfälle als gleichsetzung von sexueller gewalt mit schlechtem sex sahen/sehen. otto&willi bewegen sich schon sehr lange im linksradikalen spektrum und kennen argumente der antisexistischen praxis, ein thema bei dem sie sich schon auf anderen veranstaltungen eher durch provokation als durch diskussion engagiert haben.
    es ist unrichtig, dass antisexistische praxis menschen aufgrund schlechtem sexes ausschließen will. richtig ist, dass ein rausschmiss aus den sozialen zusammenhängen dann passiert, wenn ein_e betroffene_r vergewaltigt wurde und diese person weitere begegnungen mit der betreffenden person innerhalb der zusammenhänge nicht möchte. wenn also ein ausschluss in der geschichte von otto&willi erfolgt ist, dann drängt sich auf, dass es um eine vergewaltigung gegangen sein muss, die otto&willi als schlechten sex beschreiben. auch wird mit dem beispiel die wirklich schwere und anstrengende arbeit derjenigen menschen, die sich mit sexismus in den eigenen zusammenhängen auseinander setzen, denunziert (was soll ein „sexismus-etikett sein?). hier geht es um mehr als um plattheiten und parolen. hier sind menschen tief betroffen und stark verletzt. ein sensibler umgang mit dem thema und ein wirkliches interesse an einer diskussion hätte in nicht verunglimpfender und verletzender form innerhalb des angekündigten themenschwerpunktes formuliert werden können. für mich haben otto&willi allerdings nicht den eindruck erweckt, dass es ihnen daran gelegen hätte.

    „• WILLI: Ja und? Jede Kommunikation bringt zuweilen tausend Probleme und zweitausend
    Missverständnisse zuwege. Dafür soll doch bitte schön ein Kongress da sein: Nachfragen,
    nachbohren, kritisieren, aufklären. Wenn nicht da, wo denn sonst?
    • OTTO: Dennoch: Vielleicht wäre es besser gewesen, die „Rausschmisspolitik” direkt anzusprechen. Das wäre aber mit einer direkten Kritik an der Kongress-Orga verbunden gewesen. Das kam mir nicht in den Sinn. Denn die Orga-Gruppe hatte mit Ach und Krach diesen Kongress auf die Beine gestellt. Sie anzugreifen war für mich abwegig. Ich denke nun, dass das ein Fehler war. „

    -> es scheint mir ziemlich billig sich hinter dem argument zu verstecken, dass otto&willi die orgagruppe nicht kritisieren wollte, vor allem in anbetracht des engagements mit dem sie sonst ihre kritiken formuliert haben. es scheint mir eher bezeichnend, dass otto&willi von sich glauben, nicht kritisieren, aufklären zu können ohne anzugreifen.

  11. 11 yy 22. Juni 2010 um 18:30 Uhr

    hallo xx,
    mal davon abgesehen, dass nicht alles stimmt was du schreibst: du begibst dich auf kalteis, wenn du einerseits absätze aus dem theaterstück für bare münze nimmst, andererseits deren wahrheitsgehalt anzweifelst.

    ich würde die sache so stehen lassen und schwamm drüber. kongressteilnehmerInnen und organisatoren haben fehler gemacht, wie es richtig in einem zeck-artikel steht. man hätte andere und bessere wege zum umgang miteinander finden können, aber während dem kongress war dazu keineR in der lage.

  1. 1 Tomatisiert Sexisten, wo ihr sie trefft! « feminism. rocks. Pingback am 13. Oktober 2011 um 12:09 Uhr
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