Beiträge von Administrator

Protokolle und Nachbereitungstexte für den autonom kongress 2009

Zur Erinnerung findet ihr hier die Protokolle und Nachbereitungstexte, die die Orga-Gruppe zusammengestellt hat.

Achtung, fette PDF-Datei: Protokolle und mehr

Kongress für autonome Politik

Vorbereitungstreffen für einen „Kongress“ für autonome Politik 2011

Nach dem autonomen Kongress im Oktober 2009 war klar, dass es einerseits ein Interesse an Auseinandersetzungen über die eigene Gruppe, die eigene Stadt oder Region heraus gibt, andererseits aber auch viele Fragen offen geblieben sind, viele Themen höchstens angerissen wurden. Wir würden gerne einige der losen Fäden vom Hamburger Kongress aufgreifen und einen neuen Anlauf starten, um in einem bundesweiten Rahmen eine Verständigung über Ziele, Formen und Schwierigkeiten autonomer Politik anzustoßen. Was uns beim letzten Mal unzureichend erschien: wir sind nicht über eine Bestandsaufnahme hinausgekommen. Ob es gemeinsame Perspektiven gibt und wie die aussehen könnten, wurde kaum angetickt.

Deshalb soll hier vorgeschlagen werden, einen weiteren „Kongress“ (möglichst bereits im Mai 2011 – Ort noch unklar) zu organisieren, der diesmal gezielter an einzelnen Schwerpunkten strukturiert ist. Konkret schlagen wir im Moment drei thematische Bereiche vor, die sich für eine solche Struktur anbieten würden.

1. Krise – Wie erklären und wie interpretieren wir die laufenden gesellschaftlichen und politischen Herrschaftsprojekte? Erleben wir eine Fortsetzung dessen, was seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung steht? Oder eher eine Zuspitzung? Was ist neu? Solche Fragen fänden wir gut, gründlicher zu diskutieren und wir schlagen vor, diese Diskussion unter der Überschrift „Krise“ zu führen. Wir glauben nicht, dass sich alles, was uns bewegt, mit diesem Begriff abhandeln lässt, aber einige neuere Tendenzen lassen sich durch eine Kritik des Krisen-Begriffs und seines Einsatzes im politischen Diskurs vielleicht auf den Punkt bringen. Eine thematische Eingrenzung der Diskussion, wie wir sie vorschlagen, ist zwangsläufig verengend. Das finden wir jedoch nicht schlimm, weil es uns nicht darum gehen würde, zusammen an einem Wochenende „alles zu erklären“, sondern darum, eine fokussierte und konkrete Diskussion zu führen. Anders gesagt: Die Herrschaftsverhältnisse, die wir bekämpfen, können wir alle benennen. Hier soll aber zum Thema gemacht werden, wie sie sich momentan konkret formieren.
2. Transformation autonomen Widerstands – Wenn wir feststellen, dass sich unsere Lebens-, Arbeits- und Widerstandsbedingungen und damit auch die „erste Person“, aus der heraus wir Politik machen, verändern, muss das autonome Projekt dann nicht auch neu bestimmt werden? Oder anders gefragt: Welche Perspektiven für emanzipatorische Politik lassen sich unter derzeitigen Bedingungen formulieren? Welche Strategien können wir entwickeln? Müssen wir unsere Praxis und unser Selbstverständnis aktualisieren, und wenn ja wie?
3. Militanz – In den letzten Jahren war begrüßenswerter Weise wieder eine verstärkte militante Praxis zu verzeichnen. Grund genug, Bedingungen für emanzipative Militanz, deren Vermittlung, das Wechselspiel mit anderen Formen, … gemeinsam zu reflektieren. Noch wesentlicher erscheint uns aber, ein militantes Selbstverständnis /Selbstverständlichkeit wieder zu erlangen.

Wir haben drei kurze Texte beigelegt, die grob unsere bisherigen Diskussionen zu den Themenblöcken „Krise“, „Militanz“ und „Transformation“ umreißen, und die hoffentlich ansatzweise vermitteln, weshalb wir die Themen spannend finden.

Bei dem Treffen am 22.1. sollen idealerweise gleich mehrere Fragen geklärt werden:

- Was haltet ihr überhaupt von der Idee, einen neuen „Kongress“ zu organisieren?
- Wie soll die Struktur einer solchen Zusammenkunft aussehen? Ein „Kongress“ oder lieber ein „Seminar“, oder … ?
- Was haltet ihr von dem Vorschlag einer thematischen Eingrenzung?
- Und was von den drei konkreten Themenvorschlägen?

Diese Einladung geht an Szene-Zeitungen, Infoläden und zahlreiche Gruppen. Die Infoläden möchten wir bitten, sie in ihren Städten publik zu machen.

Die Einladung und die Texte: Kongress 2011 – Erste breite Einladung

ZUM THEATER AUF DEM KONGRESS – ein statement der orga-gruppe

als orga wollen wir an dieser stelle noch ein paar worte dazu verlieren, wie es zu unserem entschluss gekommen ist, m. und n. (willi und otto) nach den ereignissen am freitagabend nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen, aber auch wie es dazu gekommen ist, dass wir dem theaterstück der beiden überhaupt eine bühne zu verfügung gestellt haben.

auf dem ‚autonom kongress‘ führten m. und n. ihre inhalte am freitagabend in form eines theaterstückes als zweiten inputbeitrag zum thema ‚autonome / autonomie‘ auf. in einem kurzen abschnitt des stückes hieß es sinngemäß: einer hatte jahrelang schlechten sex mit seiner freundin und dann wurde er aus der szene gemobbt. (der genaue text ist mittlerweile an verschiedenen stellen nachzulesen u.a. in der interim nr. 701).
m. und n. bewegen sich seit jahren bzw. jahrzehnten in linksradikalen zusammenhängen und sind sich sehr wohl bewusst darüber, dass ein ausschluss aus der szene (in einer oder mehreren städten) ausschließlich zum schutz von betroffenen von vergewaltigungen gefordert wird. daher bedeutet ihre darstellung in dieser kürze die gleichsetzung von vergewaltigungen mit schlechtem sex und die denunzierung antisexistischer praxen als szene-mobbing und bloßes frustablassen.
schon während des theaterstücks selbst gab es unruhe im plenum, aber offensichtlich waren viele und auch wir als orga nicht in der lage, spontan darauf zu reagieren und waren erstmal sprachlos. in der folgenden diskussion äußerten die meisten heftige kritik und empörung über diese darstellung sexualisierter gewalt. einige verließen die flora und, wie wir später erfahren haben, den gesamten kongress.
wir als orga haben dann an dem punkt eingegriffen, als in dieser angespannten situation eine person auf die idee kam, m. und n. könnten ihre positionen genauer darstellen. wir wollten eben nicht, dass es weiter eine bühne für eine verharmlosende und entpolitisierende darstellung sexualisierter gewalt und eine weitere denunziation von antisexistischer praxis gibt. mit dem diskussionsbeitrag ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘ war deutlich, wohin die reise inhaltlich gehen könnte. dieser text war kurz zuvor in den kongressblog gestellt worden und differenziert die positionen des theaterstückes recht genau aus. ( auch nachzulesen unter direktem aufruf des alten links http://autonomerkongress.blogsport.de/images/position22at.pdf)
der spontane vorschlag, der von uns am freitag abend im plenum gemacht wurde, war, die punkte ‚antisexistische praxen‘ und ‚ausschlusspolitik‘ in dem entsprechenden themenblock am samstag zu diskutieren. dazu wurde von den anwesenden kein widerspruch geäußert und die diskussion darüber für diesen abend beendet.

im anschluss haben wir zum einen noch mit menschen ausserhalb der orga-gruppe gesprochen, um ein bild davon zu bekommen, wie andere die situation empfunden haben und bewerten. zum anderen haben wir nachts diskutiert, wie wir weiter damit umgehen. hier müssen wir anmerken, dass die orga aus sehr wenig leuten bestand, die auch nur zum teil gemeinsame praktische erfahrungen hatten. d.h. wir mussten uns erstmal über unsere positionen austauschen, einen gemeinsamen standpunkt finden und gucken, wie wir uns kollektiv verhalten und äußern können. einig waren wir uns darin, dass wir diese sexistische haltung nicht einfach hinnehmen und nach kurzem empörten kommentar zur tagesordnung übergehen können. gleichzeitig gab es auch die befürchtung, dass die auseinandersetzung mit m. und n. den kongress dermaßen dominieren könnte, dass alle anderen themen und nötigen auseinandersetzungen nicht stattfinden könnten.
in diesen zusammenhang gehört, dass wir mitgekriegt hatten, dass tatsächlich schon einige leute, vor allem aus frauenlesbentrans zusammenhängen den kongress verlassen hatten und auch nicht vorhatten wiederzukommen. wir finden es fatal, dass durch so eine verletzende provokation die bereitschaft zur diskussion zerstört wird.
wir haben uns in einer verantwortung gesehen, stille ausschlüsse zu verhindern. die gleichsetzung von vergewaltigung mit schlechtem sex (und die differenzierungen in dem nicht blöd werden! text) hat ein massives potential, betroffene erneut zu verletzen, deren einziger selbstschutz oft genug ist, zu gehen. um derartige verletzungen zu verhindern sind schutzräume notwendig. diese zu schaffen, bedeutet leider auch, leute auszuschließen, die diesen raum nicht respektieren. ausschlüsse sind daher für betroffene und keinesfalls als bestrafung zu verstehen.
zusammenfassend bedeutete das für uns, dass die beiden an einem wesentlichen punkt die koordinaten einer gemeinsamen politik verlassen hatten. für uns gab es keinen weg, der eingeschlossen hätte, dass beide ihre positionen weiter darstellen konnten.

unsere entscheidung war, dass die beiden von uns aus nicht mehr am kongress teilnehmen sollen und das dem plenum am samstag morgen so mitzuteilen. es ging darum einen entschluss der gruppe mitzuteilen und eine eindeutige position von uns rüberzubringen und zu erklären. es ging keineswegs darum, diesen entschluss gegen widerspruch und veto durchzudrücken. diesen raum für widerspruch haben wir, so denken wir auch jetzt, dem plenum gelassen. bei eindeutigen fürsprachen für m. und n. oder der positionierung des plenums für eine anwesenheit von beiden, hätten wir dem nicht im weg stehen können. die einzige konsequenz für uns wäre dann gewesen, dass teile der orga die gruppe verlassen hätten.
am samstagmorgen, nachdem wir unsere position dargestellt hatten, haben wir nocheinmal vorgeschlagen, das thema ‚ausschlüsse‘, sollte das bedürfnis da sein, im entsprechenden themenschwerpunkt zu diskutieren.
zu unserer eigenen überraschung gab es aber tatsächlich weder eine längere diskussion über die frage der anwesenheit von m. und n. noch wurde später im themenschwerpunkt über das thema ausschlüsse diskutiert.
stattdessen schienen viele über die position der orga-gruppe erleichtert und teilten die entscheidung, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen.
wir wurden von manchen dann auch kritisiert, dass wir die frage grundsätzlich zur diskussion hätten stellen müssen. trotzdem halten wir unseren weg nach wie vor für richtig.
über das ganze wochenende, im abschlussplenum und auch noch jetzt, monate später, gab es ein grundsätzlich positives feedback, vor allen dingen mit dem tenor, dass es auch mal zeit wurde, dass eine orga-gruppe so konsequent ist.

schon bei einer vollversammlung zur vorbereitung des kongresses im juli in der flora hatten m. und n. ihre positionen zu bzw. gegen antisexismus öffentlich formuliert und für einigen unmut, genervte diskussionen und ein ‚typisch, war ja klar‘ gesorgt. ‚typisch‘ bezog sich dabei vor allem auf m.s längere geschichte von provozierenden und sich selbst inszenierenden auftritten mit diesem thema. erfahrungen übrigens, die dann ganz offensichtlich von diversen kongressteilnehmer_innen geteilt wurden. auch da schon hatte eine person die vv aufgrund dessen verlassen.
als m. das input zum themenschwerpunkt ‚autonome / autonomie‘ als theaterstück ankündigte, haben wir uns dennoch nicht dagegen entschieden. zwar gab es bei einigen unwohlsein und missmut gegenüber m., gleichzeitig aber auch persönliche freundschaft. angesichts diverser veröffentlichungen von m., hielten wir ein input von ihm zum thema ‚autonomie‘ für durchaus sinnvoll. eine eindeutige positionierung gegen seine beteiligung gab es innerhalb unserer gruppe nicht. angesichts nicht genau geführter diskussionen unter uns und all den bekannten erfahrungen, betrachten wir es als unseren fehler m. und n. die möglichkeit gegeben zu haben, ihre positionen als input zu bringen. es war, so glauben einige von uns, unsere naivität, aufgrund einiger privater gespräche mit m. zu denken, diesmal würden provokationen dieser art unterbleiben. auch wenn wir in der vorbereitung geredet hatten, dass unsere moderation eingreifen muss, sollte m. gezielt destruktive beiträge jenseits des theaterstückes abliefern. damit, dass dies schon im input eindeutig der fall ist, hatten wir einfach nicht gerechnet.
der genaue inhalt des inputs war uns vor beginn des stückes nicht bekannt. wir wussten nur von einem theaterstück zum thema des schwerpunktes. das hier schon öfter genannte papier ‚nicht blöd werden! autonome auf dem weg in 22. jahrhundert‘, ist kurz vor beginn des kongresses als diskussionspapier und auf nachfrage explizit nicht als input- referat an den blog geschickt worden.

unsere position war, beide nicht weiter am kongress teilnehmen zu lassen. nicht mehr und nicht weniger. 2 leute sind für 2 tage auf einer bestimmten veranstaltung nicht willkommen.
unsere erklärung kann sich nicht auf andere räume oder andere situationen beziehen und wir wollen und werden auch nicht irgendwelche wünsche in diese richtung formulieren.
wann, wo und wie mögliche weitere konflikte mit m. und n. geführt und gelöst werden, liegt an den dort beteiligten strukturen und menschen.
als zeitlich und inhaltlich begrenzter zusammenhang sehen wir es über dieses papier hinaus nicht als unsere aufgabe oder notwenigkeit, uns weiter mit m. oder n. bzw. diesem konflikt ausführlicher zu befassen. daran werden auch weitere veröffentlichungen und erklärungen von beiden nichts verändern. wir möchten nur anmerken, dass der an uns adressierte brief, auf den m. und n. sich in ihren texten beziehen, sicherlich vieles war, jedoch keineswegs freundlich.

orga-gruppe ‚autonom kongress‘, januar 2010

Ein erster Schritt, der auf Vertiefung wartet autonom kongress – ein Rückblick

Eindrücke vom autonom kongress. 250 bis 300 Menschen kamen in Hamburg für zweieinhalb Tage zusammen um miteinander zu diskutieren, Positionen auszutauschen, sich zu informieren und einfach mal wieder bekannte Gesichter aus anderen Städten zu treffen. Lange überfällig schien dieses Treffen, wo sich mal Zeit genommen wird, um grundsätzliche Fragen autonomer Politik zu besprechen. Immer wieder wurde der Autonomie Kongress 1995 erwähnt, bei dem sich damals noch 2000 Autonome die Köpfe heiß geredet hatten. 14 Jahre mussten erst vergehen, damit mensch wieder einmal autonom zusammen kam. Kommt autonome Politik ohne eine grundsätzliche Debatte zur Politik aus. Es scheint fast so zu sein. Viele tummeln sich auf der Straße, in ihren Autonomen Zentren und bei großen Mobilisierungen. Die großen Mobilisierungen, wie z.B. 1988 zum IWF in Berlin, die zeitweise fast jährlichen Proteste gegen den Castor, von 1998 bis 2003 die antirassistischen Grenzcamps, 2002-2009 Mittenwald und 2005-2007 die dissent-Mobilisierung gegen den G8 in Heiligendamm, waren immer auch Orte wo überregional zusammen gekommen wurde und auch grundsätzliche Fragen autonomer Politik besprochen wurden. Dennoch, wie das bei der Vorbereitung von konkreten Aktionen so ist, gab es immer Zeitdruck und dieser lässt bekanntlich inhaltliche Debatten hinten runter fallen. So gab es viele Diskussionen, die hochspannend angeschnitten wurden und dann wegen des Organisierungsdrucks jäh abbrachen. Dazu kommt, dass viele Aktive einen Bereich haben, in dem sie verstärkt Politik machen, die sogenannte Teilbereichspolitik. In diesen Teilbereichen wie Antifa, Antira, Antirep., Antisexismus, Antimilitarismus, soziale Kämpfe, Gentrifizierung/Stadtteilarbeit und Anti-Atom/Klimapolitik führen sie dann tiefgehende Debatten und haben ne Menge Ahnung und Wissen. Doch hier läuft dann vieles auch nebeneinander her. Es fehlt also an einem Ort für Grundsatzfragen. Dies kann auch nicht von Publikationen und Debatten in den Medien von Interim bis Indymedia ersetzt werden. Es ist schon was anderes wirklich zusammen zu sitzen, sich face to face zu sehen und sich aufeinander beziehen zu können. Jetzt war er also da, dieser Ort der grundsätzlichen Verständigung. Viele waren erst gar nicht gekommen, da sie keinen Drang verspürten Grundsätzliches zu besprechen, es gab bei Vielen, die zu Hause blieben dieses Bedürfnis gar nicht. Viele die kamen sagten: Ich verspreche mir nicht so viel davon, hab kaum Erwartungen. Andere wiederum waren sehr gespannt oder begierig sich auszutauschen. In dem Zusammenhang wurde auch immer wieder der Großstadt-Stadt-Land Unterschied angemerkt. Viele in der Stadt haben es eben viel einfacher sich zu treffen, zu vernetzen und Orte der Diskussion zu organisieren. Hier wurde auch immer wieder auf die Autonome Vollversammlung in Berlin verwiesen, die sich monatlich seit der G8-Mobilisierung 2007 trifft. Nun gibt es auch seit dem Sommer 2009 eine Autonome FrauenLesbenTrans VV in Berlin. Um ein Ergebnis des autonom kongress vorweg zu nehmen, es gab immer wieder den Willen und die Bekundung Autonome Vollversammlungen in verschiedenen Städten und Regionen zu gründen. Ebenso die Absicht sich überregional in großer Runde in einem halben oder einem Jahr wieder zusammen zu finden. Mensch darf gespannt sein.

Doch nicht nur das Fehlen von Zusammenkünften, auch eine Lücke zwischen den Jungen und den Alten wurde immer wieder bemerkt und scheint mitverantwortlich für einen fehlenden Geschichtsbezug. Debatten, die vor Jahren schon einmal geführt worden, werden nicht weitervermittelt. Die Jungen fangen immer wieder von vorne an. Als ob sich Debatten deswegen kaum weiter entwickeln können, so schien auch das in Hamburg Besprochene in vielen Punkten ganz am Anfang zu stehen. Erschreckend deutlich wurde das in der Sexismus Debatte in dem Themenschwerpunkt ,,Alltagspraxis, interne Machtverhältnisse, Kommunikation“. Viele der Älteren standen verblüfft da, viele feministische Personen gingen raus und wollten sich das nicht antun oder verstanden sich als Beobachter_innen. (Es ist eine politische Praxis von einigen Feministinnen, sich in der gemischten Szene nicht in Sexismus Debatten einzumischen, da die ,,Gemischten“ diese Arbeit schon selbst machen sollen und sich (einige) Feministinnen nicht an der ,,Gemischten“ abarbeiten wollen. Stattdessen kommen sie als Beobachterinnen.) In Sachen Antisexismus scheinen wesentliche Grundlagen zu fehlen, als hätten sich viele noch nie mit der Thematik beschäftigt. Dies gipfelte in einer Debatte, ob Männer auch Sexismus erfahren, mit Beispielen wo Männer schon mal von Frauen (und Feministinnen) ausgelacht oder angemotzt worden sind, bis hin zu Beschreibungen, wo weiße Männer schon mal Rassismus erfahren haben, z.B. in der Bronz in einem schwarzen Club von Schwarzen angemotzt worden. Diese Debatte ist ein seit Jahren bekannter Klassiker, wenn Menschen über Sexismus diskutieren, dann kommen Männer gerne schnell zu der Umkehr, aber ich erfahre auch Sexismus, Frauen sind auch sexistisch. Dieser Umkehr-Effekt kriegt dann ganz viel Raum, das lenkt auch schön davon ab, sich mit alltäglichem Sexismus in den eigenen Strukturen oder bei einem selbst zu beschäftigen. (Mehr dazu siehe: Input Text: Sexistische Gesellschaftsorganisation http://autonomerkongress.blogsport.de) Der Kongress hat gezeigt, dass autonome Politik immer noch nicht mit einem antipatriarchalen Kampf verbunden ist. Das ist ein ganz großes Manko, einmal werden die Autonomen dadurch unattraktiv und haben schon viele Genoss_innen verloren, auch werden sie ihrem eigenen emanzipativen Anspruch und dem Anspruch der Herrschaftsfreiheit nicht gerecht. Ebenso nutzen sie die Möglichkeiten für Veränderung nicht; es heißt: ,,Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Doch in Sachen Antisexismus wäre noch viel mehr Veränderung möglich.

Im II. Themenschwerpunkt ging es um „Strukturen, Bündnisse, Vernetzung und Organisierung“. Immer wieder war zu hören, wir wollen offener werden. Also nicht nur Capi ins Gesicht und immer schön cool mit den Freunden rumstehen. Oder die autonome Identität wahren, nach dem Motto wer als erster mit ner Person spricht, die nicht richtig autonom rüberkommt, ist vielleicht selbst gar nicht richtig autonom. Nein, dass soll der Vergangenheit angehören, Freundlichkeit, Offenheit, auf die Menschen zugehen ist gefragt. Schön gesagt, fraglich bleibt trotzdem, ob das in größerem Umfang passiert. Reden mit den Leuten bedeutet auch auf Vorurteile und Spießigkeiten oder gar Rassismen reagieren zu müssen, das ist nicht immer ganz einfach und macht oft keinen Spaß. Wie mit den Leuten diskutieren, wenn mensch vielleicht selbst noch gar keine gefestigte Meinung hat? Wie sich mit den Leuten auseinandersetzen ohne sie gleich ganz vor den Kopf zu stoßen und wo ist die Grenze, wo ist es angesagt konfrontativ zu werden und nicht mehr nett zu sein? Immer wieder wurden Beispiele erwähnt, wo es gut geklappt hat mit Leuten zusammen zu arbeiten, so z.B. bei Anti-AKW-Protesten, wo die Bevölkerung beginnt sich wegen der erhöhten Krebsraten zu wehren. In der Debatte taucht immer wieder eine Linie auf: Mit Leuten zusammenarbeiten Ja, mit Organisationen nicht unbedingt und erst recht nicht mit den Gewerkschaften und der Linkspartei. Hier wurde u.a. das Bild aufgebaut, dass Leute in Organisationen eh ihre feste Meinung hätten und wir die nicht für eine radikale Kritik gewinnen können. Doch ist das nicht zu starr gedacht. In der Mobilisierung zum Antira- und Klimacamp in Hamburg 2008 und zum UN Klima Gipfel 2009 in Kopenhagen arbeiten Autonome mit anderen Leuten und Organisationen zusammen, wie solid, attac, die bund jugend und die grüne jugend und die Leute lassen sich immer wieder von radikaleren Ansätzen, sowohl von den Forderungen, als auch von den Aktionen, inspirieren, mehr als sie es sonst so tun würden. Eine Radikalisierung findet statt. Dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen. Bis wohin die Bündnispartner gewählt werden, ist je nach Mobilisierung und Situation unterschiedlich. Bei den Demos zur Finanzkrise im März 2009 ging das Bündnis bis zu den Gewerkschaften und emanzipativeren Kräften in der Linkspartei. Dies viel dem Bündnis an manchen Punkten auf die Füße, z.B. als nicht verhindert werden konnte, dass Lafontain auf der Demo in Frankfurt spricht. Da blieb nur das Eierwerfen. Trotz des ganzen Redens kam die Diskussion an einigen Stellen nicht so richtig auf den Punkt. Die Frage, ist eine spektrenübergreifende Zusammenarbeit gewollt oder nicht, wurde nicht so richtig besprochen. Nach dem G8 waren die Perspektiventage im Januar 2008 in Berlin und im Oktober in Hamburg ein Versuch spektrenübergreifend zusammen zu kommen, sich zu streiten und in Kontakt zu treten. Das Angebot wurde im Januar noch wahrgenommen (500 Menschen), u.a. auch von Leuten vom WBA (Wir bleiben Alle!) Häuserkampf in Berlin, im Oktober war das Interesse allerdings erheblich abgesackt (100 Leute). Doch warum wird sich von der Zusammenarbeit mit anderen Strömungen und Spektren so wenig versprochen, autonome Politik ist wirkmächtiger, als sie manchmal meint. Die Angst von anderen beeinflusst und verwässert zu werden, übersieht, dass wir andere beeinflussen und radikalisieren. Das Thema Bündnisse bekam viel Raum in dem Schwerpunkt und das Feld Organisierung fiel dabei hinten runter. Dies bedauerten einige am Schluss. Immer wieder wurde angemerkt, die Zeiten, in denen sich viele autonome Kleingruppen einfach so bilden, haben sich verändert. Autonome Organisierung ist kein Selbstgänger. Es fehlt immer wieder an Strukturen wie überregionalen Treffen oder Vollversammlungen.

Die Eingangs erwähnte Debattenlücke zeigte sich auch in anderen Fragen autonomer Politik. Zwar wurde am Freitag zur Eröffnung sehr schön dargelegt, wie die Autonomen entstanden sind und was die Basis ihrer Politik ist. (Von dem sexistischen Zwischenfall abgesehen.) Von Selbstorganisierung war die Rede, vom Unabhängigsein von staatlichem- oder Parteien-Einfluss. Von Kollektivität und Konsens wurde gesprochen, dass die Meinungen nicht einer Mehrheit (Mehrheitsgesellschaft) untergeordnet werden. Mit Aktionismus, Politik auf der Strasse und nicht in den Konferenzräumen, mit Freiräumen, gelebter Kollektivität, Autonomie und Herrschaftsfreiheit ging es weiter. Doch wie und ob sich autonome Strategien verändert haben, ob die heutigen Verhältnisse (keine Kohl-Ära, keine Ost-Westblöcke, eine globalisierte Welt, kein Wohlfahrtsstaat BRD mehr, brüchiger Neoliberalismus, sich Umgruppierende globale Machtverhältnisse (wirtschaftliche Schwäche der USA, mächtigere Schwellenländer, finanzstarkes China), sich zuspitzende Militarisierung) nicht anderer Politiken bedürfen. Eine Analyse der Verhältnisse und eine Strategiebestimmung mit der Frage, wo wir künftig den Hebel ansetzen, fand nicht statt. Hier stachen alleinig zwei Vorschläge heraus. Ein ,,Diskussionspapier für einen neuen Aufbruch in die Fröste der Freiheit“ das eine Aufstands-Idee vorschlägt, die sich von den Ereignissen in Frankreich und Griechenland inspirieren ließ (siehe http://autonomerkongress.blogsport.de). Es fordert zum einen dazu auf offener zu werden und stärker auf die Leute zuzugehen, in der Annahme, dass viele so denken wie wir. ,,Die Perspektive lebenslänglicher Lohnarbeit, um dann doch allein zu verrecken und krank zu sein, ist einfach zu furchtbar.“ Es geht darum direkt mit den Leuten zu reden. Das Papier geht sogar noch einen Schritt weiter und meint, wir müssten uns von der subkulturellen Selbstbezogenheit abkehren, dadurch erlägen wir auch nicht weiter der Gefahr der Isolation oder der Avantgard. Stattdessen geht es darum mit den Leuten in der sozialen Konfrontation direkt am Punkt der Auseinandersetzung zusammen zu stehn. Weiter ,,Eins ist klar: Aufstände lassen sich nicht organisieren, Riots lassen sich organisieren.“ ,,… Und doch ermuntern uns die Entwicklungen der letzten Jahre dazu, einen Aufstand in unserem Sinne, eine neue kämpferische Internationale perspektivisch für möglich zu halten.“ Ein anderer orschlag knüpfte an die Zahltage in Köln an und schlug vor unseren eigenen Alltag und unsere Geldbeschaffung wieder stärker zu politisieren, ob beim Job oder im Jobcenter. Diesen grundlegenden Knuten des Kapitalismus nicht alleine zu begegnen, sondern praktische Solidarität zu leben, wie gemeinsam zum Amt zu gehen, andere zu unterstützen und Geld zu teilen. Über die Möglichkeit gelebter Solidarität hinaus, die Orte kapitalistischer Unterjochung auch für Widerstand zu nutzen und den Hebel da anzusetzen, wo es viel Unzufriedenheit von Leuten gibt und Verteilungs- und Eigentumsfragen Punkte einer kämpferischen Auseinandersetzung sein könnten. Beide Vorschläge konnten jedoch nur andiskutiert werden und standen etwas unverbunden im Raum qua fehlender Analyse der Verhältnisse und fehlender Einbettung in die Landschaft autonomer Strategien und Politikansätze. Um dies nachzuholen bedarf es mehr Zeit und die soll sich laut Willenbekundung auch genommen werden u.a. auf einem nächsten Kongress. Doch dazu bedarf es auch Diskussionen im Vorfeld, nicht nur z.B. auf der autonomen VV in Berlin, sondern auch in unseren Gruppen, an den Küchen- und Kneipentischen. Wir dürfen gespannt sein.

Sabine Beck (six hills berlin)